Snowden

04.10.2016 Walter Gasperi

Oliver Stone zeichnet die Geschichte des Whistleblowers Edward Snowden von 2004 bis 2013 nach, übt in gewohnter Weise Kritik an der US-Regierung und den Geheimdiensten und feiert den ehemaligen CIA- und NSA-Mitarbeiter als Verfechter der Menschen- und Bürgerrechte.


Vom Treffen mit der Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) und den Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto) und Ewen MacAskill (Tom Wilkinson) im Hongkonger Mira-Hotel Anfang Juni 2013, das Poitras in ihrem Oscar gekrönten Dokumentarfilm «Citizenfour» dokumentierte, blendet Oliver Stone zurück, um Snowdens Geschichte ab 2004 zu erzählen.

Ein starker Einstieg, der den Zuschauer sofort mitten ins Geschehen wirft, ist dies und auch ein kluger dramaturgischer Schachzug, denn überzeugend kann so die dramatische Geschichte der Veröffentlichung der geheimen Daten mit der Lebensgeschichte Snowdens verknüpft werden. Verankert ist «Snowden» durch den Rahmen, zu dem der Film mehrmals zurückkehrt, auch in der Perspektive der Titelfigur, doch sein Voice-over ist für die Rückblenden nicht nötig.

Als entschiedener Patriot, der, geschockt von 9/11, um seinem Land zu dienen, in eine Spezialeinheit der Armee eingetreten ist, wird der schmächtige, aber hochintelligente junge Mann, der zwar über keinen Highschool-Abschluss verfügt, aber mehrere Sprachen beherrscht und Computerspezialist ist, sogleich vorgestellt.

Als er aufgrund der schwachen körperlichen Konstitution die Armee verlassen muss, bietet er seine Dienste dem CIA an, bekommt dank seiner Fähigkeiten bald wichtige Aufgaben. Seinem Land glaubt er zu dienen, wenn er in Genf, später in Tokio und schließlich in Hawaii Überwachungssysteme entwickelt, Zweifel kommen bei ihm aber an der Richtigkeit dieses Vorgehens auf, als er entdeckt, dass mehr als alle anderen Staaten US-Bürger selbst überwacht werden.

Zum Helden baut Oliver Stone den von Joseph Gordon-Levitt gerade durch seine Zurückhaltung stark gespielten Protagonisten auf, zum Kämpfer für Bürger- und Menschenrechte, der nicht als Landesverräter, sondern aus patriotischen Gründen die Überwachungsmethoden publik gemacht hat. – Interessant ist diese Figur in ihrer Entwicklung, aber zu makellos, zu gut, als dass sie wirklich faszinieren und man sich an ihr reiben könnte.

Ein typischer Oliver-Stone-Film ist «Snowden» damit in der Aufzeichnung amerikanischer Missstände und der Kritik an den Behörden und der Regierung auf der einen Seite und – zumal am Ende – in der pathetischen Feier amerikanischer Grundrechte auf der anderen Seite. In Jubelstimmung verfällt der Film aber trotz der Tat Snowdens nicht, macht er doch wenig Hoffnung, dass sich dadurch etwas ändern wird.

Spannend zeichnet Stone, der mit diesem Film nach der Vietnamkriegsaufarbeitung in «Platoon» und «Born on the Fourth of July», den Präsidenten-Porträts «Nixon» und «JFK», dem Finanzthriller «Wall Street» und dem 9/11-Film «World Trade Center» ein weiteres Teilchen seiner kritischen Auseinandersetzung mit den USA vorlegt, die Geschichte des berühmten Whistleblowers nach. Doch im Gegensatz zu früheren Filmen wollte dieses Projekt kein US-Studio finanzieren, mit europäischem, vor allem mit deutschem Geld, wurde «Snowden» realisiert.

Als Gegengewicht zum Computer-Job, bei dem Stone den Zuschauer nicht mit Fakten überfordern und langweilen will, sorgt die Liebesgeschichte zur Fotografin Lindsay für eine menschlich-emotionale Ebene. Forciert wird die Beziehungsgeschichte aber nicht, nüchtern bleibt Stone auch hier, benützt diese Ebene um zu zeigen, wie sehr die Beziehung auch durch das Verbot Snowdens über seinen Job erzählen zu dürfen, belastet wird.

Gleichzeitig fungiert Lindsay, mit der Snwoden heute in Russland lebt, als Gegenpol zum Computerspezialisten. Während sie beim ersten Treffen eine Petition gegen den Irak-Krieg unterschreibt, sich als Liberale präsentiert, steht er noch hinter der Regierung. Und ihrer Ausgelassenheit und Extrovertiertheit steht seine Zurückhaltung gegenüber.

In der Mitte hängt «Snowden» zwar etwas durch, da die Handlungsfülle nicht erlaubt, dass alle Szenen wirklich ausformuliert werden, legt aber im Finale an Spannung wieder kräftig zu. Geschickt führt Stone dabei auch die Inszenierung in die Realität über, wenn er den Film mit einem Internet-Interview des echten früheren Ex-Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger mit dem echten Edward Snowden enden lässt.

Über die konkrete Geschichte hinaus wirft Stone freilich allgemein Fragen nach dem Verhältnis von Freiheit und Sicherheit und nach verantwortungsvollem Handeln auf. Vorbildcharakter hat für ihn das Handeln Snowdens, der sich für ihn gerade dadurch als verantwortungsbewusst zeigte, dass er gerade die Verantwortung, die ihm von NSA und CIA übertragen wurde, missbrauchte. Den Bogen überspannt Stone dabei allerdings, wenn er Snowdens Widerstand gegen die US-Behörden in Beziehung zum Dritten Reich und den Nürnberger Prozessen setzt, bei denen die Nazis ihre Handlungen mit dem Ausführen von Befehlen rechtfertigten.

Dem Sicherheitsstreben der Behörden, in dem Stone die Vorstufe zur absoluten Kontrolle und damit zur Tyrannei sieht, stellt er die Freiheit gegenüber. – Die Entscheidung, wie hier ein optimales Verhältnis aussieht, überlässt er dem Zuschauer, der sich freilich an Snowden ein Beispiel nehmen soll und dem der Ball zugespielt wird, sich selbst auch für seine Bürgerrechte und gegen die absolute Überwachung und Kontrolle zu erheben.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Snowden»

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