Ersatz

25.09.2016 Haimo L. Handl

Die Serben in Bosnien gaben mit ihrem jüngsten Referendum, das von der gesamtbosnischen Regierung als illegal verboten worden war, ein deutliches Zeichen. Sie stellten klar ihre Blut-und-Boden-Ideologie unter Beweis, ihren extremen Nationalismus, der schon einmal, 1996, zur Aufhetzung und schlussendlich zum Krieg in Bosnien mit den Nichtserben geführt hat und zur Aufteilung von Bosnien und Herzegowina in zwei Staatsgebilde innerhalb Bosniens.


Heute, nach zwanzig Jahren mühsam erzwungenen „Friedens“ in diesem befremdlichen Balkanland, wirkt die Ersatzpolitik des Chauvinismus und Nationalismus nicht nur spaltend und hetzend, sondern auch als Signal für die kommende Sezession. Die Serben wollen weder kooperieren noch koexistieren mit den anderen Nationen, sie wollen führen, den Ton angeben, bestimmen. Eigentlich wollen sie Krieg. Die wirtschaftliche Misere, die gezimmerte und instrumentalisierte Hoffnungslosigkeit bieten den gewollten Nährboden für den Nationalismus, wie er auch in der EU grassiert und wächst.

Mit Chauvinismus und Hass lassen sich leicht die Enttäuschten, die Zukurzgekommenen, die Dummen, Blöden und Bösen begeistern. Anstatt harte Arbeit gibt’s Proteste und Jagd auf Sündenböcke. Das greift in Frankreich und Spanien, damit „überzeugen“ immer mehr Menschen auch in früheren liberalen Gesellschaften wie in Skandinavien oder Holland, nicht zu sprechen vom braunen Sumpf in Deutschland und Österreich und den wüsten, faschistoiden Entwicklungen in den EU-Staaten der sogenannten Visegrad-Gruppe.
Diese Absage an das Trans- oder Übernationale, ans Europäische, die auch die Briten mit ihrem Ausstieg negativ auszeichnet, bedeutet nichts Gutes für die nahe Zukunft.

Im Verbund mit neuen Geschichtsklitterungen wie in Polen und Ungarn gepflegt, der Unwilligkeit jedweder kritischer Vergangenheitsbewältigung wie in Tschechien oder der Slowakei, wird ein geistiges Klima installiert, wie es in der Türkei, die kurz vor dem endgültigen Schritt zur offenen, faschistischen Diktatur steht, schon herrscht. Aus kurzsichtigen, realpolitischen Gründen wird aber von der EU dieser Abbau von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aktiv unterstützt.

Es werden wieder Asylantenhäuser abgefackelt in Deutschland, wo die Rechten beweisen, was sie schaffen und schaffen wollen. Völkisches Gebaren auch in Österreich, wo der Blauäugige am Stock grinsend warnt, dass wir uns noch wundern werden. Wann reichen die Substitute nicht mehr aus? Wann kippt das Symbolische ins Reale?

Die Briten haben schon bewiesen, wie rasch eine vermeintlich politisch vernünftige Bevölkerung ihre lange verborgen gehaltene Blut-und-Boden-Mythologie zu entblößen und aktivieren vermag, wenn bestimmte Bedingen dies erleichtern. In Frankreich lauern die Rechten und Rechtsextremen, in Deutschland etablieren sie sich soeben und in Österreich setzt die Regierung, insbesondere die ÖVP, durch ihre Dauerstreits und ihren Reformunwillen alles daran, diese Entwicklung zu fördern. Keine schönen Aussichten im Abendland.

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