Tschick

20.09.2016 Walter Gasperi

Zwei Jugendliche im gestohlenen Lada auf der Fahrt durch die ostdeutsche Provinz. – Mit der Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Bestseller gelang Fatih Akin dank leichthändiger Inszenierung und perfekter Besetzung großes, leidenschaftliches Kino. Hier gilt wieder was Frances McDermond angesichts der Verleihung des Goldenen Bären an «Gegen die Wand» sagte: «Dieser Film ist Rock’n’Roll».


Die Luftaufnahme einer nebeligen Unfallstelle auf einer Autobahn, auf der Fahrbahn herumirrende Schweine. – Die ersten Einstellungen und man ist schon mitten drin in diesem Film und spürt, dass dies ein großes und mitreißendes Kinoerlebnis werden könnte, dass man jede der kommenden 90 Minuten in sich aufsaugen sollte.

Wie Wolfgang Herrndorf in seinem 2010 erschienenem Roman erzählt auch Fatih Akin die Handlung als Rückblende, lässt den Zuschauer aus der Perspektive des 14-jährigen Maik Klingenberg (Tristan Göbel) auf das Geschehen blicken. Kommentiert Maik anfangs die Handlung öfter, nimmt Akin die Erzählerstimme bald zurück und setzt sie nur noch punktuell ein.

Obwohl «Tschick» im Grunde nicht Akins Projekt ist, er erst zum Zug kam als David Wnendt («Feuchtgebiete», «Kriegerin») aufgrund von Terminproblemen aussteigen musste, hat sich der 43-jährige den Stoff völlig einverleibt, ihn quasi zu seinem eigenen gemacht, bleibt gleichwohl dem Roman treu.

Das ist eben keine biedere Literaturverfilmung, sondern man spürt, wie bei den besten Filmen Akins, der zuletzt mit der Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern in «The Cut» sowohl künstlerisch als auch kommerziell einen herben Tiefschlag erlitt, die Leidenschaft des Regisseurs. Ganz auf die Ebene der beiden Jugendlichen Außenseiter begibt er sich, blickt mit ihren Augen auf die Welt.

Während Maik, dessen Mutter alkoholsüchtig ist, in seiner Klasse als «Psycho» gilt, wird der russischstämmige Tschick (Anand Babileg) nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, sondern mehr noch, weil er meist stockbesoffen in die Schule kommt, als «Asi» ausgegrenzt. Perfekt besetzt ist dieses ungleiche Duo mit Tristan Göbel und Anand Babileg, die mit sichtlichem Vergnügen, frech und natürlich diese Teenager spielen, die durch ihre Außenseiterposition langsam zu Freunden werden.

Lustvoll ist aber auch die Inszenierung Akins, der geschickt Szenen von Herrndorfs Roman verkürzt und zugespitzt hat. Großen Drive gewinnt der angenehm kurze Film durch diese Verknappungen und bietet gleichzeitig in locker eingestreuten Traumsequenzen auch immer wieder Einblick in Maiks Gefühlswelt.

Beginnt für ihn mit den Ferien ein vermeintlich fader Sommer mit Computerspielen in der schicken Designervilla, denn Tatjana, für die er schwärmt, hat den «Psycho» natürlich eben so wenig zu ihrer Party eingeladen wie den «Asi», so ändert sich alles als Tschick mit einem geklauten hellblauen Lada vor der Tür steht. Bald brechen sie auf in Richtung Walachei, wo angeblich Tschicks Großvater lebt. Ganz so weit werden sie freilich nicht kommen, doch ein unvergesslicher Sommer wird es dennoch werden, aus dem Maik als ein anderer zurückkehren wird.

Souverän wechselt Akin zwischen Fahrtszenen, in denen Witz und Spannung sich die Waage halten, mit Begegnungen. Der Bogen spannt sich dabei von einer alleinerziehenden Mutter mit ihrer hochbegabten Kinderschar, adeligen Jugendlichen auf Radtour bis zu Isa (Nicole Mercedes Müller), die ebenfalls unterwegs ist, über deren biographischen Hintergrund man aber noch weniger erfährt als über den von Tschick.

Wie in «Im Juli» (1999), in dem Akin Moritz Bleibtreu und Christiane Paul auf eine Reise in die Türkei aufbrechen ließ, feiert auch «Tschick» den Ausbruch aus dem Alltag und der Angepasstheit, singt ein Loblied auf Außenseiter, ein lustvolles und befreites Leben und das Auskosten des Augenblicks. Das Smartphone fliegt dabei bald einmal zum Autofenster hinaus – nicht die einzige Parallele zu Michel Gondrys ähnlich angelegten und ebenso starken Jugendfilm «Mikro und Sprit» –, ein Maisfeld wird mit dem Lada durchwühlt und mit der Tiefkühlpizza wird Fußball gespielt.

Großartig beschwört dieses Roadmovie die Magie einer Nacht unter freiem Sternenhimmel, bringt in der Begegnung mit Isa dezent eine erste Liebe ins Spiel und blickt melancholisch auf eine große Freundschaft zurück.

Aufgesetzt wirkt dabei freilich nichts, denn nichts wird besonders betont, sondern locker und selbstverständlich erzählt Akin. Meisterhaft erzeugt er mit den großartigen Bildern von Kameramann Rainer Klausmann, seinem Gespür für Tempo und trefflichem Musikeinsatz, bei dem Richard Claydermans «Ballade pour Adeline» nicht zu kurz kommt, aber auch Songs von Bilderbuch, Seeed oder K.I.Z. nicht fehlen, einen Resonanzboden für die Gefühle der Protagonisten und eine Stimmung, die ansteckt und mitreißt. – Das ist leidenschaftliches Kino, das dahinfließt wie ein guter Rock-Song, ansteckend wirkt und Lust auf mehr macht.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Tschick»

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