Inquisition gegen Hassprediger

11.09.2016 Haimo L. Handl

«Hate Speech» ist ein Verbrechen und wird nicht nur in Großbritannien, dem Mutterland der Demokratie, strafrechtlich verfolgt wird, sondern in fast allen EU-Staaten; allein in den USA biettet noch das First Amendment einen gewissen Schutz, der aber durch andere Maßnahmen seitens des Staates, des «Establishments», wie man früher sagte, unterminiert und ausgehebelt wird. Das Verfolgen und Strafen, der Polizeistaat, hat Hochsaison – und fast alle Menschen guten Willens und Glaubens unterstützen das Programm, mehr blind als bewusst ihrer Angst folgend.


Machen wir uns aber nichts vor. Was früher im Zuge der Aufklärung kritisiert, angeprangert oder eingefordert wurde, ist längst passé, heute gilt Eintracht. Der Feind ist Zwietracht und man wundert sich, dass gewisse Werke gewisser Philosophen überhaupt noch ohne Strafverfolgung gelesen oder gar zitiert werden dürfen. Dabei meine ich nicht nur die als eindeutig böse Männer etikettierten Gefährlichen, sondern auch jene Denker wie Immanuel Kant (man lese etwas genauer z.B. seine Schrift «Zum ewigen Frieden» bzw. «Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft»), der als Denker noch selber dachte und nicht einfach seinem Zeitgeist folgte.

Aber ohne Gegensatz, ohne Kritik, ohne Zwietracht, ohne Abweichung und Infragestellung keine Philosophie, keine Kritik, sondern nur Friedhofsruhe. Es scheint, diese ist das allgemeine Ziel einer geängstigten, schwachen Gesellschaft, die sich in ihrem falschen, unreflektierten Egalitarismus erschöpft.

Die Angst vor dem falschen Denken, vor dem Selberdenken, die Furcht vor dem ungeleiteten Souverän, der doch der Führung, der Leitung, der Beaufsichtigung bedarf, war und ist der Grundstock aller Inquisitoren: freies Denken und Reden verdirbt. Gekoppelt ist diese Furcht mit der menschenverachtenden Geringschätzung der reifen Persönlichkeit, der jede Möglichkeit eigenen Urteils abgesprochen wird.

Diese perverse Pädagogik sieht in ihrer Verkürzung eines irrigen Kausaldenkens es auch als gegeben an, dass gefährliche Worte, giftige Bücher, rhetorisch geschickte Reden und dergleichen ungefiltert von den Dummen, dem Volk, dem Publikum aufgegriffen und beachtet werden. Das darf nicht sein, deshalb: Zensur, Strafverfolgung, Ahndung. (Um Missverständnisse zu vermeiden: Aufrufe zur Begehung von Straftaten sind damit nicht gedeckt. Doch dafür bedarf es keiner Zensur und keines Verfolgungsklimas.)

Ihre Angst vor dem Denken und seiner Äußerung ist überwältigend, was die Intensität und Unerbittlichkeit ihrer Verfolgung begründet. Im totalitären Staat, auch dem moderner façon, wie wir ihn in Europa und den USA erdulden und erleiden, wird das Denken selbst verfolgt. Was früher allein aus technischen Gründen nicht möglich war, ist heute tägliche Praxis: wir leben unter Aufsicht, in totaler Observanz, in abgesicherter Kontrolle.

Seit dem Kirchenterror im Abendland, seit den europäischen Religionskriegen, seit dem Terror der Nazis und Bolschewiki, seit den Verfolgungen des Großen Vorsitzenden Mao, hat sich daran nichts geändert. Heute gesellen sich dem Pascha vom Bosporus, der ein islamofaschistisches Regime einrichtet, die «Demokraten» der Europäischen Union hinzu, die einfach Eintracht wünschen und ihre Untertanen (soll man sie noch eigenständige Personen nennen?) «beschützen» wollen in ihrem großangelegten «Betreuungsprogramm» (man lese nach, was Sternberger, Storz und Süskind zu diesem Terminus zu sagen hatten in ihrem Buch «Aus dem Wörterbuch des Unmenschen»).

Giordano Bruno wurde noch verbrannt, Ernst Nolte nur exkommuniziert. Abertausende wurden verhaftet, gefoltert, gemordet von Regimes, die sich im Besitz DER Wahrheit wähnten, die Abtrünnige nicht litten. Die Friedhofsruhe erzwangen, in Ost und West, Nord und Süd. Heute wird die hysterische Verfolgung als «vernünftig» im demokratischen Sinne etikettiert, zu unser aller Wohl. Man darf gespannt sein, wenn jemand, der es wagt Voltaire zu zitieren («Lisez, éclairez-vous; ce n'est que par la lecture qu'on fortifie son âme; la conversation la dissipe, le jeu la resserre.» – «Lest, bildet euch! Allein die Lektüre entwickelt unseren Geist, das Gespräch verwirrt und das Spiel verengt ihn.»), wieder vor dem Kadi steht, weil er gegen die Eintracht, gegen die Gesellschaft denkt und redet.

Die fachlich kommentierte Ausgabe von Hitlers «Mein Kampf» beweist diese Geisteshaltung. Hat jemand den Bestseller in einer unkommentierten Ausgabe daheim in seiner Bibliothek, ist er der Wiederbetätigung verdächtig; handelt es sich um die approbierte, kommentierte Ausgabe, ist er geschichtsinteressiert und brav. Und das lässt sich ausweiten auf Schriften aus dem politischen Osten (DDR, USSR, China), auf religiöses Gedankengut, insbesondere islamisches usw. usf.

Noch darf man in Polen z. B. «Verführtes Denken» von Czesław Miłosz lesen. Oder Bücher von Jan Tomasz Gross. Aber wie lange noch? Noch ist Orwell’s «1984» in England nicht auf dem Index. Wie lange noch? Heute trifft es bei uns einen Salafistenprediger, morgen einen unbequemen Rechten, übermorgen sein Gegenstück, einen Linken, dann die weniger auffälligen Abtrünnigen. Wann werden die als Renegaten Verteufelten wieder gejagt, eingekerkert oder ermordet, nicht nur im Iran, in der Türkei, in China, in Russland, in Großbritannien oder den USA? Sondern in ganz Europa?

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