The Double

29.09.2016 Walter Gasperi

Visuell brillant erzählt Richard Ayoade nach Dostojewskijs Erzählung «Der Doppelgänger» von einem schüchternen Büroangestellten, der zunehmend von einem Doppelgänger verdrängt wird. Die anfängliche Beklemmung kann der britische Regisseur bei diesem Mix aus kafkaeskem Alptraum und Groteske, der bei WVG auf DVD und Blu-ray erschienen ist, allerdings nicht durchhalten.


1864 erschien Fjodor Dostojewskis Erzählung «Der Doppelgänger», der Zeit enthoben wirkt Ayoades Adaption mit seinen düsteren Büro- und Wohnblockgängen, seinen alten Telefonen und U-Bahnzügen. Nie sieht man in den 90 Minuten einen Himmel, nie erhellt Tageslicht eine Szene. Entweder spielt die Handlung bei Nacht oder gelbes und blaues Neonlicht dienen als einzige Lichtquelle für die in dunklen Farben gehaltenen und auf alt getrimmten Räume. – Visuell ist das höchst beeindruckend, wirkt aber auch im Verzicht auf die Verankerung in einer realen Welt ziemlich künstlich.

Schon in der ersten Szene wird Simon James (Jesse Eisenberg) auf seinem Weg zum Arbeitsplatz in der U-Bahn von einem Mann von seinem Platz verdrängt, obwohl genug andere Plätze frei wären. Die Schlagzeile «Collapse – Zusammenbruch» auf der Zeitung, die der Fremde unter dem Arm trägt, lässt schon Schlimmes erwarten.

Tatsächlich hat Simon nach Verlust seines Aktenkoffers auch schon Probleme beim Betreten des Bürogebäudes, in dem er arbeitet, kann sich aber doch noch Zugang verschaffen. Die Abende verbringt er in seiner kleinen Wohnung, in die er durch einen scheinbar endlos langen Gang gelangt, und beobachtet mit dem Fernrohr seine gegenüber wohnende Kollegin Hannah (Mia Wasikowska). Heimlich schwärmt der schüchterne Mann für sie, bringt aber bei Begegnungen kaum ein Wort heraus.

Zurückhaltend verhält er sich auch am Arbeitsplatz, wird kaum wahrgenommen. Ganz anders sieht das mit einem neuen Kollegen aus, der Simon aufs Haar gleicht. Denn dieser tritt forsch auf, verdrängt Simon zunehmend nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch Hannah beginnt rasch für diesen Neuen zu schwärmen. Zunehmend beklemmender wird so die Situation für Simon, bis er nur noch eine Möglichkeit sieht, sich von seinem scheinbar übermächtigen Doppelgänger zu befreien.

An «Dr. Jekyll and Mr. Hyde» erinnert das Motiv von zwei charakterlich gegensätzlichen Doppelgängern ebenso wie der Voyeurismus an Hitchcocks «Das Fenster zum Hof». Da schaut einer leidenschaftlich gern zu, traut sich aber nicht selbst aktiv zu werden, verkümmert letztlich nicht weniger in Einsamkeit wie die Angebetete.

Großartig spielt Jesse Eisenberg die Doppelrolle, bei der offen bleibt, ob der forsche Doppelgänger vielleicht nur das unterbewusste Wunschbild Simons ist, und auch Mia Wasikowska brilliert als Hannah. Meisterhaft evoziert auch Ayoade durch Bildsprache und Musik eine Atmosphäre der Verlorenheit des Menschen, der Entfremdung, der Kommunikationslosigkeit und des zunehmenden Identitätsverlusts, dennoch kann er die kafkaeske Stimmung und die Beklemmung nicht durchhalten, da er diese immer wieder in groteske Momente kippen lässt. – Die nachhaltige Irritation und Verstörung, die Denis Villeneuves ähnlich angelegter «Enemy» auslöst, stellt sich hier nicht ein.

Dennoch muss man den Wagemut und visuellen Einfallsreichtum Aoyades, der schon mit seinem Debüt «Submarine» Eigenwilligkeit an den Tag legte, bewundern und sollte den 39-jährigen Briten auf jeden Fall im Auge behalten.

An Sprachversionen bietet die bei WVG erschienene Blu-ray und DVD die englische Originalfassung sowie die französische und deutsche Synchronfassung und deutsche Untertitel. Die Extras beschränken sich auf eine Trailershow.

Trailer zu «The Double»

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