Ben Hur

06.09.2016 Walter Gasperi

Kurzatmig statt episch ist Timur Bekmambetovs Remake von William Wylers spektakulärem Monumentalfilm. Statt Massenszenen dominieren Großaufnahmen, die Computeranimation lässt kaum Atmosphäre aufkommen, die Bilder sind flau, die Dramaturgie holprig und steht einzig im Dienst der Hinführung zum Wagenrennen – und der Positionierung der christlichen Botschaft.


1880 erschien Lew Wallace´ Roman «Ben Hur» und wurde rasch zum Bestseller. Schon 1907 wurde der Stoff als Kurzfilm verfilmt, 1925 folgte Fred Niblos zweieinhalbstündiger Monumentalfilm, der nicht nur mit der immer noch faszinierenden Inszenierung des Wagenrennens begeisterte, doch allgemein bekannt ist heute vor allem William Wylers mit elf Oscars ausgezeichnetes fast vierstündiges Remake von 1959.

Mit dem Start des Wagenrennens, das auch der Höhepunkt von Wylers Film ist, eröffnet der kasachisch-russische Regisseur Timur Bekmambetov sein Remake, um von den galoppierenden Pferd bald acht Jahre zurückzublenden zu einem Ritt von Judah Ben Hur (Jack Huston) und Messala Severus (Toby Kebbell) durch die Halbwüste von Palästina.

Während die Protagonisten im Original enge Freunde waren und speziell bei Wyler in der Beziehung durchaus eine homoerotische Komponente hineinspielte, ist Messala in der Neufassung Judahs Adoptivbruder und jede sexuelle Anziehung ist getilgt.

Verwundern kann dies freilich nicht, wurde der Film doch von Mark Burnett und Roma Downey produziert, die schon für die Miniserie «Die Bibel» verantwortlich zeichneten. Wesentlich stärker betont wird dafür die christliche Botschaft, wird immer wieder dem Terror der römischen Herrschaft, dem Gedanken an Rache Verzeihen und Nächstenliebe gegenübergestellt. Sah man Christus bei Wyler nur einmal von hinten, tritt er hier mehrfach – und geschickt über den Film verteilt – immer wieder auf, bis auch Ben Hur von der neuen Botschaft überzeugt ist und selbst die Erzfeinde sich noch versöhnen.

Fast wirkt es so, als ob Bekmambetov die eigentliche Handlung mit dem Wagenrennen als spektakulärem und Zuschauer ins Kino lockendem Aufhänger nur als Verpackung für die christliche Botschaft, die ein Off-Erzähler auch noch penetrant betont, dient. Grobschlächtig reiht er nämlich Szenen aneinander, die nicht zuletzt aufgrund der Verkürzung der Spielzeit auf zwei Stunden kaum einmal richtig ausgestaltet werden, sondern fast wie rohe Entwürfe wirken.

An der bekannten Geschichte entlang hangelt sich Bekmambetov, hakt die bekannten Stationen ab, ändert aber auch ganz gezielt einige Details. Während bei Wyler Ben Hur nämlich wegen eines unglücklichen Zufalls zum Galeerensklaven verurteilt wurde, gewinnt hier die antirömische jüdische Befreiungsbewegung mehr Gewicht. Auch dies passt freilich in die Stoßrichtung des Films, wird damit doch gewaltsamem Widerstand eine Absage erteilt und für die Kraft von Toleranz und Nächstenliebe plädiert.

Mag es heutzutage auch im Kino beliebt sein, Filme mit einer dramatischen Szene zu eröffnen, um dann retrospektiv die Vorgeschichte zu erzählen, so bringt der Auftakt mit der kurzen Szene vom Wagenrennen nichts, denn fremd bleiben einem die Protagonisten bei diesem Schnipsel, wecken kaum Interesse. Nichts bringen auch die kurzen Szenen von Schlachten, an denen Messala als römischer Offizier in Persien und Germanien beteiligt war, bleiben Stückwerk wie der ganze Film, sollen mit einem Schnittgewitter Spannung erzeugen, können das aber nie, weil sie von jedem erzählerischen Kontext losgelöst sind.

Mag man mit Computeranimation heute auch viel machen können, so fehlt es doch auch hier ganz entscheidend an der Detailfreude, die gerade heutige Animationsfilme oft auszeichnet. Nie entwickeln die Stadtansichten von Jerusalem Atmosphäre, kein Bild kann – selten war der Einsatz von 3 D so sinnlos – Tiefe entwickeln, denn meist ist nur der Vordergrund scharf.

Weder wird hier mit Räumen noch mit Farbe gearbeitet. Schwammig und ohne Konturen sind die meisten Einstellungen – weil es nichts zu sehen gibt, soll ein hektischer Schnitt und eine immer wieder wackelnde Kamera es richten, sollen für Spannung und Dynamik sorgen.

Technisch eindrucksvoll ist zweifellos das Wagenrennen und die Seeschlacht inszeniert, doch wirklich Spannung und Beklemmung kommt wohl nur in den Szenen unter Deck der Galeere und der sich daran anschließenden Schlacht auf. Das liegt freilich nicht daran, dass man den Ausgang der Geschichte kennt, als vielmehr am fehlenden Gespür Bekmambetovs für die Entwicklung und den Aufbau einer Szene: Es ist einfach nicht damit getan Quadrigen im Zirkus Runden drehen und zerschellen zu lassen.

Stärker wird dieses Remake einzig in den wenigen ruhigen Szenen. Da kann man bei einem Auftritt von Jesus, dessen Darsteller Rodrigo Santoro in den Credits dann auch an dritter Stelle nach den beiden Protagonisten geführt wird, dessen Charisma spüren, und Morgan Freeman, an dessen Rastazöpfchen man sich freilich gewöhnen muss, kann seinem Scheich ein Profil und eine Tiefe verleihen, die man bei Jack Hustons Ben Hur und Toby Kebbells Messala leider schmerzlich vermisst.

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