Die Stunde, wenn Dracula kommt

22.09.2016 Walter Gasperi

200 Jahre nach ihrer Hinrichtung erwacht eine als Hexe getötete Fürstentochter zu neuem Leben und sinnt auf Rache. – Mario Bavas atmosphärisch ungemein dichtes Meisterwerk des Horrorfilms ist bei Koch Media als erster Titel in der Mario Bava Collection auf Blu-ray und DVD erschienen.


Mit seinem ersten eigenen Film gelang Mario Bava 1960 sogleich ein Meisterwerk – und die Inititalzündung für den italienischen Horrorfilm der 1960er Jahre. Bava zeichnet bei dem lose Nikolaj Gogols Erzählung «Wij» folgenden Schwarzweißfilm aber nicht nur für die Regie, sondern auch für die brillante Kameraarbeit verantwortlich, die entscheidend zur dichten Atmosphäre von «La maschera del demonio» beiträgt.

Ohne Exposition wird der Zuschauer mitten hinein in einen Hexenprozess im 17. Jahrhundert geworfen, bei dem die Fürstin Asa (Barbara Steele) von ihrem Bruder wegen Hexerei und inzestuöser Liebe zu ihrem Cousin Javutich (Arturo Dominici) zum Tode verurteilt wird. Sie verflucht noch ihren Bruder und seine Nachkommen und schwört Rache, ehe der an einen Pfahl Gebundenen eine Dornenmaske aufs Gesicht geschlagen wird. Weil der Scheiterhaufen durch ein plötzlich einsetzendes Gewitter nicht brennt, wird sie in der Familiengruft begraben, während ihr Geliebter in einer nicht geweihten Ecke des Dorffriedhofs beigesetzt wird.

Mit einem Schnitt werden 200 Jahre übersprungen: 1830 reist ein Professor (Andrea Checchi) mit seinem Assistenten (John Richardson) durch diese Gegend. Als ihre Kutsche eine Panne hat, erkunden sie die Gegend und dringen in die Grabkammer vor, wo sie durch einen Blutstropfen Asa zu neuem Leben erwecken, aber auch der hübschen Nachkommin der Hexe begegnen. Asa wird bald mit ihren hypnotischen Kräften nicht nur ihren Geliebten aus seinem Grab befreien, sondern auch den Professor in ihre Macht bringen und versuchen mit deren Hilfe ihre Rache zu vollstrecken.

Die Handlung bietet kaum Neues, sondern arbeitet mit den klassischen Motiven des Genres, doch wichtiger als, was erzählt wird, ist wie erzählt wird. Schauspielerisch ist das zwar alles andere als großartig, aber herausragend ist die Kameraarbeit, bei der sich Bava teilweise am expressionistischen Stummfilm orientiert.

Mit starken Hell-Dunkel-Effekten und ungewöhnlichen Perspektiven erzeugt er in Verbindung mit waberndem Bodennebel, dunklen Gängen, Gewittergrollen und unheimlichen nächtlichen Geräuschen eine Atmosphäre, die auch 56 Jahre nach Entstehung des Films noch zu faszinieren und zu packen versteht.

Gesteigert wird die Spannung noch durch die Musik von Roberto Nicolosi, die bald Bedrohung evoziert, dann aber auch wieder romantische Stimmung aufkommen lässt, wenn sich die Nachkommin der Hexe und der Assistent des Professors näherkommen. – Feinster Gothic-Horror wird hier geboten, aber auch mit Gewaltszenen, die für die Entstehungszeit äußerst drastisch waren, spart Bava nicht, wenn die Dornenmaske eingeschlagen wird oder das von Würmern zerfressene Gesicht Asas zum Leben erwacht.

In die Irre führt freilich der deutsche Titel, denn Dracula kommt in «La maschera del demonio» («Die Maske des Bösen») nicht vor, sondern wurde nur aus werbetechnischen Gründen in den Titel gehievt. Zentrum des Bösen ist hier eindeutig Asa, die Mittel freilich um diese zu besiegen sind teilweise die gleichen wie bei Bram Stokers klassischem «Dracula».

Denn auch hier schrecken die Hexe und ihre Helfer vor dem Kreuz zurück und statt mit dem Stoß eines Pfahls ins Herz können sie durch das Ausstechen eines Auges vernichtet werden. Und wie gewohnt müssen Wissenschaft, die durch den Assistenten des Professors personifiziert wird, und Religion, für die der Pope steht, zusammenspannen, um das Böse zu vernichten.

Der bei Koch Media erschienene erste Titel der Mario Bava Collection bietet auf zwei DVD und einer Blu-ray die amerikanische und die europäische Fassung dieses Kultfilms sowie als Extras unter anderem einen Audiokommentar des Filmhistorikers Tim Lucas (nur englisch - ohne Untertitel), Interviews mit der Hauptdarstellerin Barbara Steele und Mario Bavas Sohn Lamberto, Trailer und eine Bildergalerie. An Sprachversionen bietet diese Edition die englische, italienische und die deutsche Fassung sowie deutsche Untertitel.

Trailer zu «Die Stunde, wenn Dracula kommt»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.