Wir haben keine Schweinehunde mehr

29.08.2016 Kurt Bracharz

Sonofabitch sollte man als Schweinehund übertragen, nicht mit dem alttestamentarisch klingenden Hurensohn, auch wenn das die wörtliche Übersetzung ist. In der Außenpolitik der USA gab es lange Zeit eine Einstellung zu dubiosen Verbündeten, die durch die Aussage «Ja, klar ist er ein Schweinehund, aber er ist u n s e r Schweinehund» charakterisiert wurde.


Das wurde auf Schurken angewendet, die bereit waren, als Statthalter der USA auch brutale Methoden anzuwenden, zum Beispiel Mohammad Reza Pahlavi, der Schah von Persien, der panamesische Machthaber von 1983 bis 1995 Manuel Antonio Noriega Morena (wegen seiner Aknenarben kürzer «Ananasgesicht» genannt) oder zuletzt auch Saddam Hussein, bis er missverstand, dass die Amerikaner ihm freie Hand für den Überfall auf Kuwait gegeben hätten, was sich als Irrtum oder als Falle erwies und den Gaunern rund um den Deppen Bush den Zweiten Golfkrieg ermöglichte.

Bei keinem ihrer Schweinehunde stießen sich die Amerikaner daran, dass er ein Blutsäufer war (der Schah sicher weniger als Noriega und Noriega weniger als Saddam Hussein, aber der Friedensnobelpreis für Reza Pahlavi war ein Witz, der sich seither schon wiederholt hat), sondern dass sie irgendwann anderweitig aus dem Ruder liefen. Solange Saddam nur Schiiten und Kurden mit verbotenen Massenvernichtungswaffen wie Giftgas ermorden ließ, interessierte das das Weiße Haus mit Maßen (der Präsident wird Saddam schon mit dem Finger gedroht haben), aber die Besetzung der kuwaitischen Ölquellen, da konnte der industriell-militärische Komplex natürlich nicht länger zusehen.

Seit langem dient sich Baschar Assad dem Westen an, indem er immer wieder versichert, dass sein Krieg gegen die syrische Bevölkerung nicht nur seinem Clan und seinen Gefolgsleuten, sondern auch beispielsweise Russland oder eben dem Westen diene. Er gehe als einziger konsequent gegen den IS, gegen Al-Kaida und al-Nusrah vor, während Saudi-Arabien, die Türkei, Katar und «der Westen» Kämpfer gegen sein Regime zumindest durch Waffenlieferungen und logistisch unterstützten – was, so gesagt, leider stimmt. Baschar ist ganz der Papa: Sein Vater Hafiz Assad ließ beispielsweise 1982 in der Stadt Hama mindestens 10.000 (Schätzungen gehen bis 40.000) Aufständische kurzerhand töten, Baschar Assads Armee ist schon vor dem Bürgerkrieg in Syrienkrieg gegen die Bewohner kurdischer Dörfer – Männer, Frauen, Kinder – mit Giftgas vorgegangen.

Nun haben die politischen Führer des Westens ihren Macchiavelli nicht gelesen oder nicht verstanden, und zu einem Zeitpunkt, da es noch aussah, als werde Syrien nicht im Chaos versinken, erklärt, die Person Assad stehe einer Friedenslösung entgegen und müsse deshalb unbedingt weg, bevor man verhandeln könne. Nur die Russen verzichteten auf öffentliches Moralisieren und standen ihrem alten Verbündeten zuletzt sogar mit Kampfflugzeugen bei (wobei Putin ja auch noch in mehreren Nachfolgerepubliken der Sowjetunion keine Berührungsangst mit den dortigen, ihm nützlichen Schweinehunden zeigt). Nur der Westen – gibt’s den eigentlich noch als sinnvollen Begriff? – steht mittlerweile ohne solche ebenso dubiosen wie nützlichen Verbündeten da (die man übrigens auch ganz einfach wieder loswerden kann, wenn man sie nicht mehr braucht; man entdeckt dann plötzlich ihren wahren Charakter und die eigene Empörung darüber, zum Beispiel über Noriegas mittelamerikanische Korruptheit oder Saddams orientalische Grausamkeit).


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