Expertendeutsch

28.08.2016 Haimo L. Handl

Kürzlich las ich in der Website von Deutschlandradio Kultur ein Interview mit dem Bildungsexperten Christian Füller zum Thema der «Schreibkompetenz von Schülern» unter dem Aufmerksamkeit erweckenden Titel «Wie digitale Text-Häppchen das Denken verändern». Hauptaussage war, dass nicht die Rechtschreibreform von 1996 Schuld an der Leseinkompetenz trage, sondern die intensive Internetnutzung der «Generation always on» (Smart Phones), was im Ausbleiben intensiver Leseerlebnisse resultiere.


Einige neuere Studien erwähnend behauptet er, dass die Rechtschreibfehlerquote zwar von 7, vor 40 Jahren, auf jetzt 17 stieg, dafür die Schüler aber «journalistischer erzählen». Leider erklärt diese Art von Erzählen nicht. Wer nicht selbst Experte ist, kann nur mutmaßen, worin das journalistische Erzählen vielleicht ein lockeres, unverbindliches Fabulieren ist, eine gefällige Geschwätzigkeit. Überhaupt, dass «journalistisch» positiv konnotiert verwendet wird, muss einen verwundern; in der Regel ist der Journalismus, besonders das Zeitungsdeutsch, «auf den Hund» gekommen.

Nun streift Bildungsexperte Füller eine kürzliche Studie der BILD-Zeitung, und verpackt smart gleich eine Denunziation und zweifache Negativfärbung darin: «Also man kann jetzt die Studie, die die »Bild«-Zeitung vorgelegt hat von dem etwas älteren Herrn, der das gemacht hat, sich angucken, aber der hat keine echten Vergleichswerte. Das ist auch kein Bildungsforscher, sondern ein Germanist.»

Ähnlich wie bei trainierten Feministinnen, wo unter Umständen schon das falsche Geschlecht disqualifiziert, wird hier einerseits von der Quelle, andererseits vom Alter und drittens vom Beruf her abqualifiziert, ignoriert. Wer vertraut in unserer dynamischen Zeit schon einem älteren Herrn, wer einer Studie, von BILD in Auftrag gegeben, und wer einem Germanisten, wenn es tausende Bildungsexperten gibt?

Christian Füller, dessen Alter ich nicht recherchiert habe, erzählt journalistisch weiter:
«Also ich will jetzt nicht kulturpessimistisch werden und sagen, dass sie nicht mehr lesen, aber es ist natürlich schon ein Unterschied, ob man sozusagen ein strukturiertes Lesen hat und ein langes Lesen, ein tiefes Lesen, wie die Forscher an dieser Stelle sagen, oder ob man nur kleine Soundbites im Netz liest, nur kleine Passagen. Das hat sich sicherlich geändert.»

Prima, wie der Experte in gekonntem Expertendeutsch unterscheidet: Hier strukturiertes Lesen, das auch ein langes und ein tiefes ist. Die höhere Mehrdeutigkeit von «langes Lesen» versus «tiefes» wird hingenommen, weil jeder weiß, worum es geht. Die andere Gruppe, dort, «hat» nur kleine Soundbites, kleine Passagen. Ich bin zwar kein Bildungsexperte, weiß aber, dass ich «Soundbites» nur höre, nicht lese, und dass das Gegenteil von «langem Lesen» ein «kurzes» ist und nicht ein «kleines». Ein „Gustostückerl“ stellt aber die Formulierung dar, dass man ein Lesen habe. Hier wird eine Kulturtechnik wie eine Sache, ein Besitz behandelt, und der, der nicht gut lesen kann, ist ein Habenichts, der andere ein glücklicher Besitzer.

Der Experte quasselt, als ob er nicht das Korsett des restringierten Sprachkodes durchbrechen vermöchte. Mit viel Entgegenkommen, das die Gutmenschen ja auszeichnet, kann man sich vorstellen was er meint. Aber man wertet den vorherigen Rekurs auf seinen Fachberuf als Bildungsexperte schon anders, wenn man seinem holprigen unklaren Deutsch folgt.

Das hat kultürlich System. Denn nur Sachen oder Besitz lässt sich im Verteilungskampf verschieben. Kulturtechnik alleine reicht nicht aus. In der Debatte um die vielen Migranten, Unterbemittelten usw. darf es nur um Benachteiligung gehen, um Verhinderung bzw. Raub. Wir, die Gebildeten, die Satten, die Etablierten, verweigern den Armen nicht nur Kulturtechniken, sondern Güter, vor allem das Gut «Lesen» und «Schreiben». Hier muss eine Umverteilung erfolgen.

Das ist die eine Seite, Die andere, die man untersuchen könnte, wäre der philosophische Hintergrund des Konzeptes von «geistigem Besitztum». Doch dafür fehlt hier der Platz.

Ab er ich will noch einen Absatz zitieren, damit das Problemexpertendeutsch beispielhaft anklingt.
Frenzel (Deutschlandradio): «Das heißt, die einfache Antwort wäre da erst mal, wir müssten die Schüler dazu verdonnern, tief in dem Sinne, wie Sie es gerade beschrieben haben, also längere Texte zu lesen.»

Füller: «Na ja, verdonnern – das ist das Problem. Also sozusagen der tiefere Sinn oder die Frage war ja an dieser Stelle, wie lernt man überhaupt lesen und schreiben, und da gibt es ein grundsätzliches Problem in der deutschen Sprache. Man kann das sozusagen nach Fibel lernen und machen, man kann es versuchen, mit Schülern wirklich genau wortgetreu richtig lesen zu lernen oder nach einer Methode, die auch in den 70ern eingeführt wurde, nämlich von Reichen, mit den Anlauttabellen, das freie lesen lernen durch Schreiben. So, und bei dem einen lernt man sehr genau und rechtschreibrichtig zu lesen und zu schreiben, und bei der anderen Methode wird man schneller flüssiger.

Das ist absolut sinnvoll, diese flüssigere Methode zu machen. Das hat ja auch diese Studie, zeigen ja auch viele Studien eben, dass die Kinder heute besser und schneller erzählen. Dass sie dabei eben mehr Fehler machen, kann auch sein, aber das war eben die Idee, zu sagen, ich will einen Fluss erzeugen bei Schülern, und dazu lasse ich sie einfach, zunächst mal korrigiere ich sie nicht sofort als Lehrer. Das hat man aber inzwischen wieder auch korrigiert, also kein Lehrer, kaum ein Lehrer macht heute streng diese Methode, dass er sagt, ich korrigiere Schüler überhaupt nicht mehr.»

Weshalb ist das Problem grundsätzlich eines der deutschen Sprache? Was für eine Transformation muss das sein, wenn man «schneller flüssiger» wird? Wird der Leser flüssiger oder nicht doch nur die Leseleistung? Die schlampige Ungenauigkeit ist beim Experten durchgängig: Bei ihm macht man die flüssigere Methode. Für viele ist eine Methode oder Technik eine Herangehensweise um etwas zu machen. Beim modernen Bildungsexperten ist schon die Methode selbst das Machen. Ich mache Methode, ich mache Technik, ich mache Werkzeug. Super. Der ist ganz nah dran am Kanakendeutsch. Er weist auf viele Studien, nennt leider keine, es reicht offenbar die Behauptung und erörtert, dass er bei Schülern einen Fluss erzeugen will. Mittels flüssiger Methode einen Fluss erzeugen, das ist es, was der moderne Pädagoge oder Leseexperte macht, damit der Schuler etwas hat und etwas macht und flüssig wird.

Jetzt vermag der Laie vielleicht besser verstehen, weshalb trotz einem Heer von Expertinnen und Experten es um die Lese- und Schreibkompetenz so schlecht bestellt ist, in Deutschland und auch bei uns in Österreich.

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