Wild

30.08.2016 Walter Gasperi

Eine introvertierte einsame Büroangestellte sieht auf dem Weg zur Arbeit einen Wolf, ist fasziniert und holt ihn in ihr Leben. Nicht der Wolf wird dabei zivilisiert, sondern die Frau entwickelt animalisches Verhalten, verwildert. – Wunderbar eigenwillig und in keine Schublade passend ist Nicolette Krebitz´ Spielfilm über die Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen, das Vordringen des Wilden in die Zivilisation und der Frau zu ihrer eigentlichen Natur, getragen von einer großartigen Lilith Stangenberg in der Hauptrolle.


Eintönig und trist ist das Leben der Büroangestellten Anja (Lilith Stangenberg). Kühl folgt ihr die Kamera durch ihren Alltag. Die kalten Grau- und Blautöne des Büros, der Kleidung und des Plattenbaus, in dem sie wohnt, verstärken zusammen mit der herbstlich kargen Vegetation den Eindruck von Kälte, vom Tod im Leben.

Mit ihrer Schwester Jenny skypt sie zwar, doch ihre Beziehung ist sichtlich nicht gerade innig. Ihren Vater kennt sie nicht, der Großvater, der in dem Block in einer Wohnung auf der gleichen Etage lebte und ihre einzige Bezugsperson war, liegt im Krankenhaus. Manchmal besucht sie ihn, doch wenig Hoffnung besteht, dass er wieder zurückkehren wird. Vielmehr verschlechtert sich sein Zustand.

Ihr Chef Boris (Georg Friedrich) kommandiert sie – quasi wie einen dressierten Hund - mittels des Wurfs von Tennisbällen an ihr Bürofenster in sein Büro, aber irgendwie ist er doch fasziniert von oder interessiert an der jungen Frau. Sie aber zeigt keine Emotionen, hat bei einer Betriebsfeier auch kein Interesse an Spaß, Alkohol und Sex. Kontrolle scheint für sie zentral zu sein, was sich auch bei ihrem Hobby Schießen am Schießstand zeigt.

Doch dann sieht Anja eines Tages beim Weg in die Arbeit im Park einen Wolf. Ihre Blicke kreuzen sich und die Begegnung setzt bei der Frau etwas in Bewegung, weckt das Verlangen nach einem anderen Leben, nach Wildheit und Befreiung aus allen Zwängen.

Sie informiert sich über Wölfe, fängt bald mit der Hilfe von zwei vietnamesischen Textilarbeiterinnen «ihren» Wolf mit einer Lappjagd, bei der man bunte Stofffetzen um ein Areal aufhängt, bis sich der Wolf nicht mehr durchtraut. Erklärt wird dabei auch, woher der Ausdruck «durch die Lappen gehen» kommt. Genau geplant hat Anja das Unternehmen, betäubt den Wolf und bringt ihn in ihre Wohnung.

Immer näher kommen sie sich. Offen bleibt, ob es Traum oder Realität ist, wenn der Wolf in der Toilette ihr Menstruationsblut leckt, von den Beinen der Frau mit seiner Zunge immer weiter vordringt, sie zur Ekstase bringt, die sich noch steigert als sie sich durch Rutschen auf dem Treppengeländer zum Höhepunkt reibt. - Krebitz schreckt nicht vor drastischen und schockierenden Szenen zurück, bringt später auch noch Kot ins Spiel.

Wird gewöhnlichen in Filmen mit einer solchen Konstellation das Wilde und Fremde zivilisiert, so passt sich hier Anja an den Wolf an. Zunehmend verdreckter wird ihre Wohnung und sie versifft auch selbst, fühlt sich gleichzeitig aber auch zunehmend befreiter. - Immer wärmer werden in diesen Szenen Licht und Farben von Reinhold Vorschneiders Bilder, während es im Büro gleich kalt und lebensfeindlich bleibt.

Ganz realistisch hat Nicolette Krebitz diese Geschichte inszeniert, lässt selbstverständlich das Märchenhaft-Irrationale in die Realität einbrechen. Ganz und gar ungewöhnlich für das deutsche Kino ist «Wild» in dieser Mischung der Ebenen, irritiert und fasziniert freilich gerade dadurch.

So etwas sieht man selten im Kino und das Neuartige, der Wagemut sich auf diese ungewöhnliche Erzählweise – denn die Emanzipationsgeschichte ist im Grunde ja nicht neu – einzulassen und ganz konkret zu erzählen wie jemand das Animalische in sich hinein- oder aus sich herauskriechen lässt, das macht diesen Film verstörend und lässt ihn nachwirken.

Das liegt freilich auch an Lilith Stangenberg in der Hauptrolle, die in jeder Szene präsent ist, großartig die Wandlung Anjas vermittelt und dabei auch keine Angst vor Hässlichkeit und Schmutz zeigt. Denn «Wild» ist auch so physisch, dass man glaubt den Gestank in Anjas Wohnung im Kino riechen zu können.

Zum starken Eindruck trägt aber auch bei, dass bei der Inszenierung auf alles Künstliche verzichtet wurde. Denn hier wird nicht mit einem Wolf aus dem Computer gearbeitet, sondern zwei echte Wölfe wurden etwas domestiziert und immer wieder spürt man das Bedrohliche, wenn sie ihre Zähne fletschen und wenn sie Anjas Hals lecken.

Nie weiß man in diesem Film, was passieren wird, denn unberechenbar sind die Triebe, allein die dünne Schicht der Zivilisation hat den Menschen zu einem kontrollierten Wesen gemacht, sein eigentliches Ich aber abgetötet, dem zum Durchbruch und damit zur Befreiung zu verhelfen aber höchste Zeit ist.

Wird vom TaSKino Feldkirch vom 6. bis 9.9. im Feldkircher Kino Rio gezeigt



Trailer zu «Wild»

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