Sowas von aufgeräumt!

24.08.2016 Rosemarie Schmitt

Diese Musik klingt wie Regen, wie sanfter warmer Sommerregen. So, als tropften die Noten, sich wohltuend zusammenfindend, zu wundervollen Harmonien. Das waren meine Gedanken, als ich zum ersten Mal die Musik Erik Saties hörte. Jetzt, Jahre später, lese ich im Booklet dieser CD Folgendes: «Nach Saties Tod im Jahre 1925 öffneten Freunde seine Wohnung und waren überrascht, neben zahllosen Regenschirmen und einem chaotischen Durcheinander zwei aufeinandergestapelte Konzertflügel vorzufinden. (…)»


Mich überrascht das keineswegs! Also das mit den Regenschirmen, das Chaos hingegen habe ich ihm nicht zugetraut. Seine Musik klingt doch sowas von aufgeräumt!

Seine wohl bekanntesten Werke sind die Trois Gymnopédies und Trois Gnossiennes. Diese Klavierwerke schrieb er in seiner ersten Zeit am Montmartre (zwischen 1887 und 1889). Seine Kompositionstechnik war und ist bis heute einmalig. Seine Werke sind weder eindeutig der klassischen - noch der sogenannten Unterhaltungsmusik zuzuordnen. Handelt es sich bei Saties Kompositionen überhaupt um Musik?

Wie ich mich unterstehen kann, solch eine Frage zu stellen? Nun, weil Erik Satie selbst sagte: «Glauben Sie nicht, dass es sich bei meinem Werk um Musik handelt. Das ist nicht mein Fach: Ich mache Phonometrie, so gut es eben geht. Sonst nichts. Bin ich denn etwas anderes als ein Akustikarbeiter ohne großes Wissen?» (aus dem Harenberg Komponistenlexikon / Meyers Ausgabe 2001).

Wussten Sie, dass Satie 15 Werke für die Bühne komponierte? Zu seinem Ballett «Parade» malte kein geringerer das Bühnenbild als Pablo Picasso!

Dass etwa seine Gymnopédies als Werbe-Kaufhaus- oder Aufzugmusik eingesetzt werden, würde ihn vermutlich nicht stören. Sprach er selbst doch von einer «musique d’ameublement», also einer musikalischen Möblierung. Er stellte sich vor, dass seine Kompositionen nichts als einen Klanghintergrund darstellen könnte. Die Musik sei unabhängig von Details, evoziere aber die Atmosphäre einer Szene (bei Bühnenmusiken).

Zum diesjährigen 150. Geburtstag von Erik Satie hat die israelische Pianistin und Cembalistin Tamar Halperin ein Album aufgenommen. Ein sehr besonderes Album!

Inspiriert wurde sie von dem Bild der zwei aufeinandergestapelten Konzertflügel in Saties Wohnung. Gemeinsam mit dem Produzent Guy Sternberg zerlegte Halperin Saties Kompositionen in Einzelstimmen. Sie spielten sie auf unterschiedlichen Instrumenten und stapelten Versatzstücke wieder aufeinander. Das liest sich chaotischer als es sich anhört! Denn nie zuvor hörte ich Saties Musik so aufgeräumt, klar, frisch, ungewöhnlich, ästhetisch und abwechslungsreich.

Mit Konzertflügel, Cembalo, Glockenspiel, Hammond-Orgel, Wurlitzer-Piano und einem Computer gehen Halperin und Sternberg der Frage nach, wie Saties Musik heute wohl geklungen hätte. Ich sage: Genau so muss Saties Musik heute klingen! Für mich! Doch bin ich sicher, das sehen, respektive hören, viele andere ebenso wie ich!

Wenn Satie, dann DIE!: Tamar Halperin spielt Satie (sehr verspielt und große Klasse!) aus der Reihe Neue Meister bei Edel Classics.

Herzlich
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Tamar Halperin; Foto: (c) Gregor Hohenberg

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.