Die Unperson

21.08.2016 Haimo L. Handl

Vor wenigen Tagen verstarb der Historiker Ernst Nolte im Alter von 93 Jahren. Sozial war er eigentlich schon Jahre davor gestorben worden durch die Exkommunikation aus der Wissenschaftsgemeinschaft, weil er, der einst gepriesen worden war für sein Buch «Der Faschismus in seiner Epoche» (1963) als Abweichler, Abtrünniger unhaltbar, unannehmbar geworden war, indem er die Nazis und den Holocaust in einen kausalen Zusammenhang stellte mit der Revolution der Bolschewiki und ihren Horrortaten. Auch wurde er kritisiert wegen seines angeblichen Antisemitismus. Im Historikerstreit, den der Chefideologe des Freien Westens, Jürgen Habermas entfachte, wurde er fast einhellig abgeurteilt, verurteilt, "fertig gemacht2, wie man auf gut Deutsch sagte.


Dieser «Historikerstreit» war ein Fanal, das bewies, wie tabuisiert Historie bzw. überhaupt die Wissenschaft in Deutschland nach der Re-Education geworden war, wie reflexartig allein gewisse Worte als Reizbegriffe zu Reaktionen führen, die nicht mehr rational untersucht werden müssen. Die Denkverbote und -gebote wirken; wer dagegen verstößt, wird sozial eliminiert, erhält Berufsverbot oder, wenn das nicht geht, wird in einer Weise «aus dem Verkehr» gezogen, die seine öffentliche Position beschädigt oder extrem einengt wenn nicht aufhebt.

1986 hatte Nolte in der FAZ mit seinem Artikel «Vergangenheit, die nicht vergehen will» den besagten Historikerstreit ausgelöst. Die skandalösen Punkte waren die Historisierung, der Vergleich, Deutungen über kausale Zusammenhänge, die alle als Versuche einer inakzeptablen Apologetik, einer Relativierung des Naziregimes, einer pseudorationalen Begründung nazistischen Horrors verstanden wurden. Noltes Anspruch, als Historiker ALLE Fragen stellen zu dürfen, sein Denken frei von ideologisch-politischen Schranken und Barrieren zu üben und zu äußern, wurden als Affront gedeutet, weil damit eine Kernthese der geltenden Historie verletzt wird, die der Einzigartigkeit und Einmaligkeit des Holocaust. Hier ein Verstehenwollen anzumelden galt gemeinhin als Kumpanei, als «Wiederbetätigung». Hannah Arendt setzte sich diesem Verdacht ebenfalls aus, und auch etliche andere, weniger Berühmte. Nach Dolf Sternberger ging es um ein Verharren vor dem unsäglichen Grauen; er schrieb 1987: «Wer diesen Vorgang »Auschwitz« nicht allein darzustellen, sondern zu verstehen unternähme, triebe die historische Teilnahme so weit, daß sie in virtuelle Mitschuld ausartete.» Hier wird der sonst positive Aspekt des «Verstehens» oder des Versuchs zu verstehen als verabscheuungswürdiges Verbrechen gesehen. Es darf nur dargestellt, nicht aber kritisch befragt werden. Es wird eine Opferhaltung verlangt, kein kritisches Denken.

Im freien Denken, in einer offenen Wissenschaft, müsste es möglich sein, unabhängig von Antipathien oder Sympathien für eine Person eine Auseinandersetzung zu führen. Ob Nolte nun ein Konservativer, Rechter oder extrem Rechter sei, dürfte nicht als Grund genommen werden, seine Deutungen oder Argumente nicht zu bedenken, abzuwägen, weil gewisse Reizworte oder Sichten schon das Verdikt erzwingen. So hat früher die Kirche regiert, so haben die Bolschewiki gewütet und andere totalitäre Regime. Unter dem Deckmantel der dauernden Schuld und Einzigartigkeit des Bösen wird die gleiche verwerfliche Haltung und Praxis zwar etwas zivilisierter, aber doch praktiziert.

Es gibt keine Objektivität. Jede Interpretation ist nur eine neben anderen. Warum also die tiefe Angst und Verstörung der Rechtschaffenen, der Guten? Weil sie weder Argumenten noch Interpretationen vertrauen, weil sie für einige wenige, aber herausragende Bereiche eine Sonderstellung wollen: das darf wegen seiner Einzigartigkeit nicht verhandelt, nicht diskutiert werden. Es ist die Absage an Vernunft und Aufklärung im Mantel einer fürsorglichen Politik des Guten.

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