Captain Fantastic

23.08.2016 Walter Gasperi

Wie soll man Kinder in einer USA, deren gesellschaftliche Entwicklungen man ablehnt, richtig erziehen? Und was passiert, wenn die in der Wildnis aufgewachsenen Kinder dann doch mit der «realen» Welt konfrontiert werden? – Verpackt in ein bildstarkes, souverän zwischen Komödie und Drama wechselndes Roadmovie diskutiert Matt Ross in seinem zweiten Spielfilm diese Fragen und bleibt dabei statt zu moralisieren beeindruckend ambivalent.


Von der Welt haben sich Ben Cash (Viggo Mortensen) und seine Frau Leslie mit ihren sechs Kindern längst zurückgezogen. Sie leben in den Wäldern im Nordwesten der USA völlig autark in einer Blockhütte. Die Jagd mit einem Messer auf einen Hirsch fungiert für den ältesten Sohn Bodevan als Initiationsritus in die Erwachsenenwelt.

Mit eiserner Hand leitet der hochgebildete Ben die Familie. Täglich wird mit Zweikämpfen, Liegestütz und Klettern der Körper trainiert, doch auch die geistige Bildung kommt nicht zu kurz: «Die Brüder Karamasow» werden ebenso gelesen wie Nabokovs «Lolita». Reflektiert müssen die Kids ihre Lektüre anschließend beschreiben, «interessant» gilt als Unwort, auch «verstörend» ist zu wenig präzise. Die «Bill of Rights» kann selbst der siebenjährige Nai nicht nur auswendig, sondern auch deren Inhalt mit eigenen Worten erklären.

Fakten werden zwar gelernt, doch dieses Wissen dient vor allem als Grundlage, denn wichtiger ist Ben Diskursfähigkeit. Statt Weihnachten wird der Geburtstag des linken Intellektuellen Noam Chomsky gefeiert, der Konformität wird schon mit den absolut einzigartigen Namen der sieben- bis achtzehnjährigen Kinder - Bodevan, Kielyr, Vespyr, Rellian, Zaja und Nai - Individualität gegenübergestellt und zentrales Motto ist «Power to the People».

Großartig fängt die Kamera von Stéphane Fontaine die unberührte Natur des Nordwestens ein und mit wenigen Szenen zeichnet Matt Ross Ben als Tyrannen, der keinen Widerspruch duldet. Gleichwohl sorgt Viggo Mortensen, der durch einen mächtigen Bart fast unkenntlich ist, in dieser Rolle dafür, dass dieser strenge Vater doch sympathisch bleibt, glaubt er doch zum Wohle der Kinder zu handeln.

Man spürt, wie Vater und Kinder miteinander harmonieren, wenn sie in einer mitreißenden Szene miteinander musizieren, doch auch Brüche und Konflikte werden sichtbar. Die Mutter ist zu Beginn des Films schon abwesend und bald wird die Nachricht eintreffen, dass sie in einem Krankenhaus Selbstmord begangen hat.

Obwohl der konservative Schwiegervater (Frank Langella) dagegen ist, dass Ben zur Beerdigung kommt, bricht dieser mit seinen Kindern in seinem alten Schulbus bald nach New Mexico auf. Während der Protagonist in Sean Penns/Jon Krakauers «into the Wild» aus der Zivilisation in die Wildnis floh, kommt es in «Captain Fantastic» zur entgegengesetzten Bewegung.

Einerseits stehen so auf der Bildebene der unberührten Natur bald Stadtautobahnen und Einkaufszentren und den Wäldern ein Golfplatz gegenüber, andererseits werden die in der Wildnis aufgewachsenen Kinder mit der amerikanischen Gesellschaft konfrontiert. Ohne je belehrend den Zeigefinger zu erheben, sondern mit Witz wird Kritik an falscher Ernährung, mangelnder Bildung, aber auch an mangelnder Offenheit in Gesprächen geübt.

Aber Ross deckt auch die Defizite der Cash-Kinder auf, die sich mit sozialen Kontakten schwer tun, mit nur Nike die griechische Siegesgöttin und mit Dr. Spock den berühmten amerikanischen Kinderarzt assoziieren und weder Cola noch Videospiele kennen.

Vorprogrammiert ist der Konflikt mit dem Schwiegervater, als Ben in knallig-rotem Anzug mit seinen mit Blumen geschmückten Kindern in die Beerdigungsmesse platzt, denn der letzte Wille der Verstorbenen war es nicht bestattet, sondern kremiert zu werden. Heftig prallen hier Generationen und Gesellschaftsentwürfe aufeinander und auch Ben muss seine Ansichten überdenken.

Ein uramerikanischer Film ist «Captain Fantastic» im Blick auf die USA, ist wunderbar ambivalent nicht nur in der Kritik an der US-Gesellschaft und der Zerstörung des Landes einerseits und der Feier Amerikas in den Bildern der unberührten Natur andererseits, sondern auch im Blick auf die Protagonisten. So gegensätzlich nämlich der Schwiegervater und Ben auch sein mögen, so wollen doch beide nur das Beste für die Kinder.

Nicht nur der traditionelle amerikanische Erziehungs- und Bildungsstil wird hier kritisiert, sondern zunehmend wird auch die Methode Bens in Frage gestellt, wird er nicht nur einsehen müssen, dass er seine Kinder auch einmal loslassen muss, sondern auch, dass der völlige Rückzug aus der Welt keine Lösung ist, dass vielmehr Kompromisse eingegangen werden müssen, um sie auf die Welt vorzubereiten.

Versöhnlich kann dann auch Ross souverän zwischen Drama und Komödie, zwischen Melancholie, Witz und Spannung pendelnder, höchst unterhaltsamer zweiter Spielfilm nicht nur mit einer langen ruhigen und wortlosen Einstellung ausklingen, sondern schlägt damit auch den Bogen zum Anfang schlagen, wenn der archaischen Jagdszene eine alternativ-bürgerliche Frühstücksszene gegenübergestellt wird.

Läuft derzeit im Kinok in St. Gallen
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 21. - 24.9. 2016 (engl. O.m.U.)
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 29.9., 20 Uhr + Sa 1.10., 22 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Captain Fantastic»

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