sports/no sports

12.08.2017

02.09.2016 bis 20.08.2017  Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Fußballtrainer tragen Maßanzug. Sneakers und Jogginghosen sind bürotauglich. Stars zeigen sich in Shorts auf dem roten Teppich und Fidel Castro empfängt den Papst im Trainingsanzug. Wo vor wenigen Jahren noch festgelegte Dresscodes herrschten, scheint heute das «anything goes» zu gelten. Die Ausstellung «sports/no sports» im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) befasst sich mit der Wechselwirkung von Mode und Sportbekleidung und richtet den Blick auf gesellschaftliche, formale und ästhetische Zusammenhänge.


Erstmals in Deutschland widmet sich eine Ausstellung umfassend diesen beiden Phänomenen, die sowohl der Integration als auch der Individualisierung des Einzelnen in der Gesellschaft dienen und gesellschaftliche Strukturen unmittelbar widerspiegeln. Mit rund 150 Kleidungsstücken, Grafiken, Plakaten, Fotografien und Filmen beleuchtet sie die Entwicklung von Mode, Sportbekleidung und wechselnden Körperidealen sowie den Einfluss der Textiltechnologie auf die Kleidung.

Die Ausstellung verfolgt den Wandel der Bekleidungsformen und -normen durch Sport, erzählt von der Abschaffung des Korsetts, vom Siegeszug des Trikots und der Hose und von der zunehmenden Androgynisierung der Mode. Damit einher geht auch die Perfektionierung des Körpers vom Schnürleib über den vitalen Sportkörper bis zum Body-Shaping. Ausgehend von der bewegungseinschränkenden Gesellschaftsmode des 18. und 19. Jahrhunderts (before sports) entwickelt sich die Liberalisierung der Kleidung. Die tatsächliche Sportkleidung seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts (sports) wird modischen Hybrid-Formen (sports?) gegenübergestellt. Die zeitgenössische Avantgardemode (no sports) verneint jegliche Funktionalität und schöpft aus vielen Quellen. Die Ausstellung schöpft aus der umfangreichen Mode-Sammlung des MKG und wird ergänzt durch internationale Leihgaben.

Industrialisierung und Verstädterung führen im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einem neuen Freizeitverhalten der bürgerlichen Schichten. Im Zuge dessen erlangen verschiedene Formen sportlicher Betätigung schnell große Popularität. Als Folge daraus wiederum etabliert sich eine ganz neue Bekleidungsgattung: die Sportmode. Sie hat einen großen Einfluss auf die allgemeinen Bekleidungsnormen und die Mode des 20. Jahrhunderts. Die Entwicklung von Mode und Sportbekleidung in der westlichen Welt verläuft in Abhängigkeit voneinander, aber nicht immer parallel. Ähnlich wie die Mode allgemein unterliegt «Sportswear» einem steten Wandel, der sich nur teilweise an praktischen Erfordernissen orientiert. Sind im 19. Jahrhundert Alltags- und Sportbekleidung noch weitgehend identisch, bilden sich mit der Weiterentwicklung der modernen Sportarten ab ca. 1890 nach und nach spezifische Bekleidungsformen für unterschiedliche sportliche Disziplinen heraus.

Die Lust an der körperlichen Bewegung und die Möglichkeiten Freizeitsport zu betreiben, forcieren unter anderem das Aus für das Korsett gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Jahrhunderte alte Moralvorstellungen, ausgedrückt in stark differenzierender Kleidung für die Geschlechter, werden durchlässig. Die Sportbewegung verändert die Bekleidungsformen der Frauen weitaus radikaler als die der Männer. Die stark verhüllende, jede körperliche Aktivität hemmende, bürgerliche Damenkleidung weicht in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einer weitaus bewegungsfreundlicheren Mode. Über den Umweg der Fahrrad-, Reit-, und Skibekleidung findet die höchst umstrittene Hose ihren Weg in die weibliche Alltagskleidung und später sogar in die Gesellschaftsgarderobe.

In den 1920er Jahren stellt sich eine weitere Rückkopplung der Sportmode auf die allgemeine Mode ein. Coco Chanel und Jean Patou sind Protagonisten der Integration von Sportelementen in die Haute Couture. Patou entwirft zudem bereits in den 1920er Jahren Sportkleidung, z.B. für die berühmte französische Wimbledon-Siegerin und Mode-Ikone Suzanne Lenglen. In den 1930er Jahren sind Sportidole, wie z.B. René Lacoste oder Willy Bogner nicht nur Trendsetter. Sie gründen sogar eigene und bis heute bestehende Bekleidungsunternehmen. Parallel zur Mode schrumpft die Sport- und Badebekleidung für beide Geschlechter stark zusammen: zum ersten Mal wird das nackte Frauenbein in der Öffentlichkeit sichtbar und für lange Zeit zur Norm.

Seit die Jugend ab Mitte der 1960er Jahre in den Blick der Modemacher gerät, nimmt die «Versportlichung» der Mode weiter zu. Ab den 1980er Jahren wirkt die Sportmode nicht mehr nur indirekt auf die Alltagsmode, sie wird immer sicht-barer und zu einem vermehrt stilbildenden Faktor. Zudem gibt es einen deutlichen Einfluss von Subkulturen. Sneaker, Baseballcap, Leggings und Trainingsanzug erobern Freizeitmode, Streetwear und Bürokleidung bis hin zur gehobenen Mode. Bestimmte Sportswear-Marken werden zum kostspieligen «must-have».

Da es sich bei der «Versportlichung» der Mode um ein ernstzunehmendes, langanhaltendes Phänomen handelt, muss gleichzeitig ein gesellschaftliches Bedürfnis danach vorhanden sein: Sportliche Kleidung wird mit Jugend und Fitness assoziiert, mit Coolness und Wohlstand. Sie ist die zeitgemäße Hülle für das aktuell vorherrschende Körperideal: schlank, straff, sportlich trainiert. Das entspricht – mit gewissen Schwankungen – gleichzeitig der allgemeinen Tendenz der letzten 120 Jahre für beide Geschlechter. Die Formung des Körpers wird dabei heute mehr durch Training und Selbstdisziplinierung herbeigeführt als durch äußere Hilfsmittel wie Einschnüren oder Aufpolstern. Der gewünschte Effekt kann also nicht durch die sportliche Bekleidung allein erreicht werden, Physis und Alter des Trägers/der Trägerin spielen eine große Rolle. Die Wirkung kann sogar viel schneller als bei konventioneller Kleidung ins Gegenteil kippen.

Heute ist die Durchdringung beider Segmente der Bekleidungsindustrie fast vollständig: Sportmarken beschäftigen Modedesigner als Kreativchefs und stellen zunehmend Modeartikel her. So gibt es beispielsweise kreative und finanzielle Kooperationen zwischen dem britischen Modedesigner Hussein Chalayan und Puma, sowie zwischen Yohji Yamamoto und Adidas. Die Anzahl der sogenannten Designer-Kapselkollektionen nimmt ständig zu. Umgekehrt bedient sich die Designermode auch großzügig bei der Sportswear, sowohl mit Rückgriffen auf traditionelle Formen, als auch durch die Integration von aktuellen Trends und Hightech-Materialien. Sogar in der Haute Couture, etwa bei Chanel, ist ein spielerischer oder abstrakter Umgang mit Sportattributen feststellbar. Die Modemarketingmaschine läuft auf Hochtouren, zumal sich auch bekannte Sportler und Popstars an diesem einträglichen Geschäft beteiligen.


sports/no sports
2. September 2016 bis 20. August 2017

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz
D-20099 Hamburg
T: 0049 (0)40 428 134-2732
E: service@mkg-hamburg.de
W: http://www.mkg-hamburg.de


Öffnungszeiten

Di bis So 10 – 18 Uhr

Donnerstag 10 – 21 Uhr

 


  • Papst Franziskus trifft Fidel Castro auf Kuba, 19.9.2015. © picture alliance / AP Photo
  • Zaha Hadid für United Nude: Damenschuh 'Nova', London, 2013. Lederinnenschuh, äußere Schicht: Polyvinylcarbonat, verchromt, Keilabsatz: Carbonfaser, Sohle: Gummi; © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
  • Rei Kawakubo für Comme des Garçons: Hosenkombination und Bluse, Tokio, Kollektion F/S 2015. Wolltuch und Polyesterköper laminiert auf PE-Gewebe, PE-Krepp, Gurtband, Wattierung; © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
  • Desirée Hess (*1971), Ines Kaag (*1970) für Bless: 'The ToC Helmdo', aus der Kollektion Nr. 46 'Contemporary Remediation', Berlin/Paris, 2012. Kappe in Form eines Fahrradsturzhelmes; © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
  • Sonia Delaunay (1885-1979). Badeanzüge, 1928
  • Affiches D'Art O. De Rycker; Belgica, Brüssel, um 1900. Plakat, Produktwerbung, 158 x 115 cm; © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz
D-20099 Hamburg
T: 0049 (0)40 428 134-2732
E: service@mkg-hamburg.de
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