Denkgebote & Denkverbote

14.08.2016 Haimo L. Handl

Kürzlich hatte ich in der Bibliothek Gleichgewicht Gäste aus China zu Besuch, denen ich unter anderem auch Titel zur chinesischen Geschichte zeigte, insbesondere solche in englischer Sprache. Drei der jüngeren Besucherinnen waren Studentinnen der Betriebswirtschaft und sprachen zwar nicht gut, aber ausreichend Englisch. Meine Bekannte, die die jungen Chinesinnen eingeladen hatte, ist selbst aus Shanghai, Biologin und häufiger Gast bei uns.


Aber hinsichtlich der verschiedenen Mao-Biografien und dem kontroversiellen Band «Was Mao really a monster?» (The academic response to Chang and Halliday’s «Mao: the Unkown Story»), der von «Experten» als Apologie gedacht war und in perfider Weise so extrem relativiert, dass sogar der Massenmörder Mao nur als Ingenieur erscheint, dem halt Einiges misslang, scheuten sie zurück, als ob ich ihnen Drogen zumutete. Dabei wollte ich es als Beispiel nehmen, wie man Täter zum Opfer stilisieren kann, was bei Stalin gelingt und, interessanterweise, nur bei Hitler nicht unternommen wird, der als einziger einhellig, in allen Lager, als die Inkarnation des Verbrechers und Bösen gilt.

Als ich dann noch eine Brücke schlug zur jüngeren Vergangenheit mit der Kulturrevolution und ihrem horriblen Erbe und auf die auch in Englisch erschienen Arbeiten von Yang Jiang (Six Chapters from My Life «Downunder») und Ji Xianlin (The Cowshed. Memories oft he Chines Cultural Revolution) verwies, war die Verstörung komplett. Um einen Eklat zu vermeiden betonte ich, dass auch wir im Westen neue alte Tabus pflegten, nicht jede Freiheit der Debatte und Meinung bestehe und wechselte das Thema.

Und in der Tat ist der Druck der Denkgebote, der Soll-Vorschriften, gestiegen in den beiden letzten Jahrzehnten. Noch stärker allerdings der Bereich der Denkverbote. Das hat seine Vorgeschichte. Aus meiner Zeitschriftensammlung nehme ich den Band 106/1 aus dem Jahr 1995 der Zeitschrift NEUE RUNDSCHAU, der sich dem Schwerpunktthema NEUE DENKVERBOTE. VOM TERROR DER GUTWILLIGEN widmet. Damals war der mehrdeutige Terminus «Gutmensch» noch nicht geläufig, aber die Auswüchse der PC (Political Correctness), der und des Politisch Korrekten, waren schon leidvoll spürbar.

Der Entwicklungsweg einer völlig falsch verstandenen Toleranz, basierend auf dem kruden, simplizistischen Weltbild von Offenheit, das keinen Positionsbezug mehr erlaubte, alles gleich wert und gültig fand, niemals nein sagte und etwas verweigerte, hob sich selbst auf und führte zu einer Paralysierung der Gesellschaft, in der es keine Kritik mehr gab, aber auch keine Innovation. In der es nur noch um eine mühsame Verlängerung des Status Quo gehen konnte, mit allen Folgen, auch den fatalen.

Zeichnet man diesen Weg nach, verwundert es nicht, dass wir heute neben der lähmenden Gender-Sprachbürokratie ein unduldsames Regime der Kranken und Schwachen im Geiste haben, die bestimmen, was wie gesagt werden darf, dass mittels Hate-Speech-Paragrafen Leute gejagt und mundtot gemacht werden, dass Bibliotheken «gesäubert» werden von gefährlichem, vermeintlich rassistischem, frauen- und minderheitenfeindlichem, sexistischem Material. Dass sogenannte Trigger Warnings auf Büchern angebracht werden müssen, falls sie überhaupt in Verkehr gelangen dürfen, damit zarte, unbedarfte Studentinnen sich nicht etwa der Gefahr der Retraumatisierung aussetzen,. Dass Debatten nicht mehr offen geführt werden dürfen, aus den gleichen Gründen, weil ungefilterter Vortrag und Diskussion zu verstören vermögen.

Ein Klima der Angst, der Niederhaltung, der Verfolgung hat sich etabliert. Und das im Verein mit dem gezielten Abbau von Bürgerrechten, der Aufhebung der Privatsphäre, der permanenten Observanz und der weitrechendsten Datensammlung sowie –analyse, die je organisiert worden war.

Gegen diese moderne westliche «Verwaltung» zeigen sich die Mittel der Tscheka oder Gestapo als hausbacken. Sogar Maos Unterdrückung konnte allein aus technischen Gründen nicht so ausgefeilt sein, sie war, wie die der Nazis und Bolschewiki, nur brutaler, wie heute die Brutalität und Primitivität der Islamisten uns mehr schockt als Drohnenattacken oder verdeckte Morde. Aber die Auswirkungen der Ausbeutungen, der Verfolgungen, die sich in verkürztem Denken, in Kritiklosigkeit und Angst äußern, sind so hoch, wie noch nie. Ein Erfolg des westlichen Undenkens, des Umschlags von Aufklärung in Mythologie, wovor die Aufklärer Adorno und Horkheimer schon vor Jahrzehnten warnten.

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