Der Wert des Menschen - La loi du marché

16.08.2016 Walter Gasperi

In einer aufs wesentliche verdichteten, ungemein konzentrierten Szenenfolge entwirft Stéphane Brizé das Bild einer Gesellschaft, in der der Mensch ganz auf seine Arbeitskraft reduziert wird. Großartig in der Hauptrolle des Langzeitarbeitslosen Thierry der in Cannes 2015 als bester Darsteller ausgezeichnete Vincent Lindon.


In Großaufnahme erfasst die Kamera von Éric Dumont den 51jährigen Thierry (Vincent Lindon), wenn er im Arbeitsamt gegenüber seinem Betreuer über die Sinnlosigkeit der Umschulungen klagt. Mehrfach machte der seit 15 Monaten arbeitslose Maschinist schon solche Kurse, bekam dann aber doch keinen Job, weil man eben einen Kranführer mit Berufserfahrung suchte. Der Betreuer freilich wäscht seine Hände in Unschuld: Nichts könne das Amt dafür, vermittle nur Schulungsangebot, das andere regle dann der Markt – und bietet gleich wieder eine neue Umschulung an.

In einer Einstellung filmt Stéphane Brizé dieses Gespräch, schwenkt nur einmal zum Betreuer, bleibt sonst statisch. Identifikation schafft die Kamera dabei aber nicht, versetzt nicht in die Perspektive des einen oder anderen, sondern blickt von der Seite auf sie, stellt sie gleichwertig nebeneinander und dokumentiert emotionslos und unbarmherzig das Gespräch.

In ihrer Verdichtung packt diese Szene, sorgt dafür, dass man sofort mitten drin ist in diesem Sozialdrama. Die Enge und Ausweglosigkeit, die sich in der Nähe der Kamera ausdrückt, wird sich durch den ganzen Film ziehen. Bis kurz vor Ende wird sich die Kamera kaum einmal bewegen, wird immer hautnah an den Figuren – und das heißt vor allem an Thierry – bleiben.

Auch auf Musik verzichtet Brizé – abgesehen von On-Screen-Musik in Tanzszenen. Nur zweimal gibt es diese Momente der Entspannung, wenn Thierry und seine Frau einmal im Tanzkurs und einmal zu Hause tanzen, aber auch hier evoziert die Nähe der Kamera Anspannung und Beengung, tanzt nicht befreit mit, sondern bleibt statisch.

Keine sich dramatisch steigernde Handlung wird entwickelt, vielmehr reiht Brizé markante Szenen aneinander, verdichtet so einerseits durch die Beschränkung auf solche Szenen, andererseits nochmals durch die Verdichtung dieser Szenen. Herausgelöst werden sie durch die Nähe der Kamera aus jedem sozialen Umfeld: es geht rein um den Menschen und sein Agieren in einer bestimmten Situation und die Frage, ob er sich treu bleibt oder sich korrumpieren lässt.

Ein Abendessen mit Frau und Sohn, der körperlich behindert ist, bietet Einblick ins Familienleben, ein Gespräch mit der Betreuerin der Bank in die angespannte finanzielle Situation. Nicht nur bei der Arbeitssuche erfährt Thierry Demütigungen, sondern auch wenn ein Interessent den Preis des Camping-Häuschens, das er verkaufen will, zu drücken versucht, wenn er beim Tanzkurs schulmeisterlich belehrt wird, oder bei einem Kurs die Videoaufzeichnung seines gespielten Bewerbungsgesprächs von den Teilnehmern Stück für Stück auseinander genommen wird.

Längst zermürbt hat ihn die Situation, an den Sinn eines Arbeitskampfes glaubt er nicht mehr, doch dann bekommt er plötzlich einen Job als Ladendetektiv in einem Supermarkt, muss dabei aber auch die Angestellten überwachen und wird so vom Gedemütigten selbst zum Vorgesetzten, der andere, die ihre Not zum Ladendiebstahl trieb, in entwürdigenden Situationen verhören muss.

Brizé moralisiert nicht, er ist nüchterner Beobachter. Wie ein Dokumentarfilm wirkt dieses Sozialdrama, folgt Thierry auf Schritt und Tritt, richtet die Kamera ständig auf sein Gesicht. Spröde ist das in der elliptischen Erzählweise, im Verzicht auf jedes Spektakel, entwickelt aber in der schnörkellosen und ungemein konzentrierten Inszenierung packende Kraft, bis Brizé am Ende doch noch Hoffnung aufflackern lässt, die Kamera in der ersten größeren Bewegung in unruhigem Gang Thierry durch den Supermarkt folgt und ihm Raum lässt, wenn er auf dem Parkplatz ins Auto steigt. – Das ist die erste Totale im Film und ein Moment der Befreiung, nachdem einem die Konzentration, Dichte und Nähe zuvor über 90 Minuten förmlich den Hals zugeschnürt hat.

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Trailer zu «Der Wert des Menschen - La loi du marché»

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