Kompositionen eines ehemaligen Türstehers und Exorzisten

10.08.2016 Rosemarie Schmitt

Sie waren arm, sehr arm. Viele hatten nicht einmal einen Namen. Es waren die namenlosen Mädchen des Ospedale della Pietà in Venedig. Sie hatten keine Eltern mehr, waren außerehelich geboren worden, nicht erwünscht, oder alles zusammen. Oft wusste man nur um ihre Vornamen und um ihre Begabungen. Und so nannte er sie beispielsweise «Lucieta de la viola» oder «Cattarina del cornetto».


Das Ospedale della Pietà war ein Waisenhaus und gehörte später gar zu einer der vier großen Musikschulen Venedigs. Es wurde 1346 gegründet und diente zunächst als Waisenhaus und Hospiz für ledige Mütter mit Säuglingen. Noch heute befinden sich in der Pietà ein Frauenhaus und Einrichtungen für die Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern, hilfsbedürftigen minderjährigen Schwangeren und Müttern mit Kleinkindern. Es gibt dort eine Culla Segreta (eine Babyklappe) und Räume, in denen zerstrittene Elternteile nach einer Scheidung ihre Kinder in einem geschützten Raum treffen können.

ER hatte Eltern. Besonders einen Vater, der den auffallend rotschopfigen Sohn auf den Weg brachte. Man schrieb das Jahr 1693 und der Sohn war 15. Die erste Station und Aufgabe, die es zu erfüllen galt, war die des «Türstehers im Römischen Reich» (Ostiarius). Es folgte Station und Aufgabe 2, die des Lesers bzw. Vorlesers der für den jeweiligen Tag vorgesehenen Schriften des Gottesdienstes (Lektor).

Darauf lehrte man ihn das Hinausbeschwören vermeintlicher Dämonen, die in Menschen, Tieren, ja, gar in Orten oder Dingen vermutet wurden (Exorzist). Nachdem er auch diese Aufgabe erfüllt hatte, wurde er schlußendlich zum Akolyth. Vorausgesetzt, man verwechselt die Buchstaben nicht (!), handelt es sich hierbei um eine Art «Begleiter» oder «Gefolgsmann», ein männlicher Laie, der von der Kirche dazu bestellt ist, in der Liturgie der katholischen Kirche einen liturgischen Dienst auszuüben.

Der Gefolgsmann folgte, nämlich weiterhin tapfer dem Weg, den sein «Herr» für ihn ausgewählt hatte, wurde zunächst Subdiakon, dann Diakon, bis er 1703 die Priesterweihe erhielt. Dieser Weg hatte ihn 10 Jahre seiner Zeit gekostet. Er hatte dem Wunsch seines Vaters (nicht des heiligen) genüge getan. Zum Beweis seines guten Willens las Antonio noch ein halbes Jahr die Messe an der Kirche San Giovanni in Oleo. Dann musste er («leider») aus gesundheitlichen Gründen (was ich für eine astreine Ausrede halte) das Amt aufgeben.

Noch im selben Jahr, es war 1703 und Antonio Vivaldi herrliche 25 Jahre jung, wurde er zum Maestro di violino am Ospedale delle Pieà ernannt. Ja, Sie vermuten richtig, dass, wenn ich Ihnen solche Geschichten erzähle, sich stets eine besondere musikalische Neuheit dahinter verbirgt. In diesem Fall sogar zwei Weltersteinspielungen! Das italienische Barockensemble und ECHO-Klassikpreisträger Sonatori de la Gioiosa Marca brennt leidenschaftlich für das Venedig des 17. und 18. Jahrhunderts. Dieses Engagement ist nun auf «Vivaldi in a Mirror» (Vivaldi im Spiegel) (Deutsche Harmonia Mundi / Sony Music) zu erleben, mit einer einzigartigen Auswahl an Concertos von Antonio Vivaldi (1678-1741). Im Booklet der CD finden Sie wunderbare Informationen und Gedanken über Venedig und seinen Vivaldi im Spiegel!

Die Inspiration für die Konzerte für zumeist zwei oder vier paarweise angeordnete Solo-Streicher liegt in der Heimatstadt des Komponisten. Denn wie sich die Lagunenstadt im Wasser seiner zahlreichen Kanäle spiegelt, spielt Vivaldi mit kompositorischen Elementen wie Echos, Nachahmungen und Gegenüberstellungen. Zwei Weltersteinspielungen sind dabei: vom Konzert RV 554a in C-Dur arrangierte das Ensemble eine lebendige Version für zwei Violinen, zwei Violoncelli, Streicher und Continuo. Das berühmte Konzert RV 570 in F-Dur «La tempesta di mare» bearbeiteten die Musiker wiederum für ein reines Streicherensemble.
Und ich bearbeite jetzt nichts mehr! Ich gehe und höre Vivaldis Musik!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Das Ensemble 'Sonatori de la Gioiosa Marca'

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