Caracas, eine Liebe - Desde allá

09.08.2016 Walter Gasperi

Nichts haben der 50-jährige Armando und der 17-jährige Elder gemeinsam, und doch entwickelt sich zwischen ihnen eine Beziehung – oder steckt dahinter nur ein diabolischer Plan? – Zurückhaltend und mit vielen Auslassungen, aber dank konzentrierter und filmsprachlich präziser Inszenierung packend erzählt Lorenzo Vigas in seinem 2015 bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Debüt von dieser ungewöhnlichen Beziehung.


Die Kamera ist im Rücken von Armando (Alfredo Castro), blickt ruhig auf ihn, während er von einer Brücke auf die viel befahrene Stadtautobahn blickt. Der Hintergrund ist aufgrund sehr geringer Schärfentiefe verschwommen. Auf einem Platz spricht er den jungen Elder (Louis Silva) an, der offensichtlich hier seine sexuellen Dienste anbietet.

Mit einem weiteren Schnitt sind wir schon in Armandos Wohnung und mit dem Satz «Zieh dein T-Shirt aus» fallen die ersten Worte. Der 50-Jährige wird oder kann den jungen Mann aber nicht berühren, wird ihn nur anschauen, ihm zuschauen, wie er sich auszieht, und er wird dabei onanieren. Der junge Elder wirkt angewidert von dem Mann, nimmt das Geld und ihre Wege trennen sich wieder – zumindest vorerst.

Nur wenig gibt Lorenzo Vigas in seinem wortkargen Spielfilmdebüt über die Personen preis, fokussiert ganz auf den Protagonisten und ihrer Perspektive, lässt viele Gründe für ihr Handeln im Dunkeln. Man erfährt nur, dass Armando Zahntechniker ist, Elder dagegen in einer Autowerkstatt als Lackierer arbeitet und daneben auch als Kleinkrimineller agiert: Der Kultivierte und der muskulöse brutale Macho.

Nicht nur das Alter, sondern auch das soziale Milieu trennt sie. Während Armando allein in einer bürgerlichen Wohnung mit vielen Büchern und Platten lebt, wohnt Elder noch bei seiner Mutter, hat aber eine Freundin. Offen lässt der Film, wieso er deren drei Brüder in einem Billardlokal brutal zusammenschlägt. Als Retourkutsche wird er dafür später Prügel beziehen und Armando wird ihn gesund pflegen.

Auch über Armandos Biographie erfährt man nur, dass er in einer anderen Region aufgewachsen ist und dass sein Vater nach langer Abwesenheit nun zurück ist. Ahnen kann man, dass dieser Vater im Gefängnis war, doch ausgesprochen wird das nicht. Auf ein dunkles Geheimnis verweist ein Gespräch Armandos mit seiner Schwester, das sie ruhen lassen will, doch er will nicht locker lassen, verfolgt den Vater und wird gegenüber Elder später erklären, dass er dessen Tod wünscht.

Die Ablehnung Elders, die bei der zweiten Begegnung dazu führt, dass er Armando niederschlägt und ausraubt, wird langsam von Interesse für den Middle-Ager verdrängt. Er nimmt ihn sogar mit zu einer Feier seiner Freundin und stellt ihn dabei seiner Mutter vor. Als Elder dabei Armando auf der Toilette küssen will, wird er beobachtet und ist damit sozial geächtet, wird von der Mutter als Schwuchtel vertrieben und seinen Freunden gemieden. Aber auch Armando will zunächst weiterhin keinen körperlichen Kontakt zulassen.

Kühl und zurückhaltend ist diese Geschichte inszeniert, entwickelt Spannung durch den Umstand, dass Vigas vieles im Vagen lässt, der Zuschauer Mutmaßungen anstellen muss. Auf Musik wird komplett verzichtet. Nicht emotional involviert wird der Zuschauer, sondern bleibt wie Armando Zuschauer.

Die Distanz Armandos zu den Menschen und zur Welt, auf die auch der Originaltitel «Desde allá – Aus der Ferne» verweist, seine emotionale Kälte korrespondiert so über die Form perfekt mit der Rolle des Zuschauers. Die Unschärfe der Bilder spiegelt das Vage, Uneindeutige, nicht klar Übersichtliche der Handlung.

Parallelen stellen sich dabei zwischen Armando und Elder ein, denn beide kennzeichnet eine Distanz zum Vater. Während Armando ihn ablehnt, ist der von Elder im Gefängnis. In Armando scheint der junge Mann nun zunehmend auch einen Ersatzvater zu sehen. – Oder ist der Mann, dem Armando nachstellt, gar nicht sein Vater, wünscht er sich aus anderen Gründen dessen Tod?

In der Konzentriertheit, in der Vigas diese Geschichte erzählt, die nach einer Kurzgeschichte des Mexikaners Guillermo Arriaga, der auch die Drehbücher zu Alejandro González Iñárritu ersten drei Spielfilme «Amores Perros», «21 Grams» und «Babel» schrieb und diesen Film auch mit produzierte, und getragen von zwei starken Schauspielern entwickelt «Caracas, eine Liebe» große Dichte und Faszinationskraft. Denn Vigas erzählt nicht nur eine Beziehungsgeschichte, sondern auch allgemein von brutaler Ausnützung einer Liebe ebenso wie von der Homophobie der venezolanischen Gesellschaft und letztlich von einem perfiden Plan, den Armando eiskalt durchzieht – von einem Verbrechen aus Leidenschaft, die freilich nicht erwidert, sondern von dem gefühlskalten Mann nur vorgetäuscht wird, während das Handeln Elders von Materialismus bestimmt ist.

Vigas zeigt eine Welt, in der es keine moralischen Grundregeln mehr gibt, in denen jeder nur noch seine eigenen Interessen verfolgt – und dementsprechend konsequent fokussiert der Film auch auf seinen beiden Protagonisten, spart das Umfeld weitgehend aus.

Wird vom FKC Dornbirn am Mittwoch, den 10.8. um 18 Uhr und am Donnerstag, den 11.8. um 19.30 Uhr im Cinema Dornbirn gezeigt (span. O.m.U.)

Trailer zu «Caracas, eine Liebe»

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