Der Bunker

08.09.2016 Walter Gasperi

Um ungestört arbeiten zu können, quartiert sich ein Student bei einer Familie ein, die in einem Wald in einem Bunker lebt. Bald soll er aber auch den Sohn der Familie unterrichten. – Bei Bildstörung ist Nikias Chryssos´ ebenso originelles wie bizarres Kammerspiel mit umfangreichem Bonusmaterial auf DVD und Blu-ray erschienen.


In statischer Einstellung und aus der Distanz erfasst die Kamera (Matthias Reisser) eine Familie am Essenstisch. Irritation - oder auch Komik - stellt sich schon in dieser ersten Szene ein, wenn der Vater (David Scheller) über die Qualität seines Spiegeleis sinniert.

Kleidung und Frisuren erwecken den Eindruck einer kleinbürgerlichen deutschen Familie der 1950er Jahren. Doch zeitlich wird dieser Film so wenig verortet wie geographisch.

Mit einem Schnitt versetzt Nikias Chryssos den Zuschauer in einen verschneiten Wald, durch den ein junger Mann (Pit Bukowski) mit einer Landkarte stapft. Keine winterliche Märchenlandschaft ist das aber, sondern in der Kahlheit der Birken und im grauen Himmel wirkt die Szenerie beunruhigend.

Mitten in dieser Abgeschiedenheit findet der junge Mann den Eingang zu dem Bunker , in dem die Familie wohnt. Er bezieht hier Quartier, um ungestört an einer Arbeit über das Higgs-Teilchen arbeiten zu können.

Ganz auf die dreiköpfige Familie und den Studenten konzentriert sich der Film konzentrieren, wird erst im Finale wieder den Bunker verlassen. Auf ihre Rolle als Vater, Mutter (Oona von Maydell) und Student werden auch die Protatonisten reduziert bleiben, einzig der Sohn wird mit «Klaus» einen Namen erhalten.

Der Bunker als Schauplatz weckt Assoziationen an einen Krieg, doch mehr als Schutz gegen eine feindliche äußere Welt scheint er ein Gefängnis darzustellen. Freundlich nimmt der Vater den Studenten auf, den freilich der fensterlose Kellerraum mit unverputzten Betonwänden und Klappbett wenig erfreut. Auf seine Bemerkung «Da kann ja kein Licht rein», antwortet der Vater «aber es kann auch keines raus».

Genug zu essen bekommt der Student zwar, doch der Vater führt genau Buch über den Konsum an Knödeln und Servietten und wird dies bald benützen, um den Studenten zu drängen, Sohn Klaus als Gegenleistung Privatunterricht zu geben.

Klaus wiederum – großartig gespielt von Daniel Fripan - ist ein Kapitel für sich. Acht Jahre alt ist er laut Aussage der Eltern, hat aber das Aussehen eines Erwachsenen, saugt aber gleichzeitig auch wieder an der Brust der Mutter. Großes haben die Eltern mit ihm vor, soll Klaus doch Präsident der USA werden.

Doch mit dem Lernen tut er sich schwer, kann sich die Hauptstädte der Staaten nicht merken. Täuscht der Student die Eltern zunächst mittels Schwindelzettel über die Lernfortschritte des Sohnes, entdeckt er bald den Rohrstock als probates Mittel, um ihm das Wissen regelrecht einzubläuen.

Doch der Student muss auch feststellen, dass Klaus noch nie gespielt hat, ihm sogar völlig unbekannt ist, was darunter zu verstehen ist. Wenn der Student ihn damit vertraut macht, wird spürbar, wie wichtig dieses von allen Zwängen und jeder Zielorientierung gelöste Agieren für die Entwicklung eines Kindes ist.

Scheint zunächst der Vater, der sich als Intellektueller gibt und immer wieder joviale Gespräche mit dem Studenten führt, die bestimmende Person in der Familie zu sein, kommt zunehmend die dominante Rolle der Mutter zur Geltung. Sie glaubt in Beziehung zu einem Außerirdischen zu stehen, der über eine Wunde im Bein in sie eingedrungen sei und zu ihr spreche. Doch trotz des Abhängigkeitsverhältnisses speziell von der Mutter wird sich Klaus unter dem Einfluss des Studenten emanzipieren.

Fern von jedem Realismus ist dieses konzentriert inszenierte Kammerspiel, erinnert im Grotesken an die düsteren Welten eines David Lynch oder Franz Kafka. Die Welt mag hier außen vor bleiben, aber gerade in seiner Beschränkung auf diese kleine Gemeinschaft wirft Chryssos in seinem im deutschen Kino ziemlich singulär dastehenden Film Fragen nach dem Verhältnis von Individuum und Welt, Bindung und Freiheit in der Familie, dem richtigen Erziehungsstil, Ehrgeiz und Bildung sowie der Bedeutung des Spiels auf.

Große Geschlossenheit und Dichte entwickelt «Der Bunker» dabei nicht nur durch die Beschränkung auf den Bunker, sondern auch durch die bestechende Ausstattung und Kostüme und überrascht immer wieder durch das Sounddesign und einen Soundtrack, der bald mit klassischer Musik, bald mit Heavy Metal arbeitet. Emotional involviert wird der Zuschauer bei diesem bizarren, in keine Schublade passenden Mix aus Gesellschaftssatire, düsterem Märchen, Horrorfilm und Komödie aber nie, bleibt immer distanzierter Beobachter.

An Extras bieten die DVD und Bluray, die bei dem auf eigenwillige und verstörende Filme spezialisierten Label Bildstörung erschienen sind vor allem einen Audiokommentar von Regisseur Nikias Chryssos, aber auch ein etwa einstündiges Making of und ein ausführliches Booklet sowie die beiden Kurzfilme «Schwarze Erdbeeren» und «Der Großvater». Auch bei diesen demonstriert Chryssos, von dem man hoffentlich noch viel hören wird, seine Fähigkeit des reduzierten und konzentrierten Erzählens sowie sein außerordentliches Gespür für visuelle Gestaltung.

Trailer zu «Der Bunker»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.