Legend of Tarzan

02.08.2016 Walter Gasperi

Edgar Rice Burroughs 1912 erschienener Roman vom Aufwachsen des weißen Jungen im Dschungel dient David Yates nur als Hintergrund für die Rückkehr des legendären Helden und seiner Frau in den Kongo, um die Verbrechen der belgischen Kolonialmacht aufzudecken. – Die digitalen Effekte des 3D-Films sind zweifellos spektakulär, doch die Figuren bleiben blass und der intendierte antirassistische Gestus zwiespältig.


Mit Inserts zur Berliner Kongokonferenz von 1884, in der das zentralafrikanische Land Belgien zugesprochen wurde, wird «Legend of Tarzan» in den historischen Kontext eingebettet. Um das rohstoffreichste Land Afrikas auszubeuten, schickt König Leopold II. Léon Rom (Christoph Waltz) nach Afrika. Diese historische Persönlichkeit, deren grausames Vorgehen im Kongo Joseph Conrad in seinem Roman «Herz der Finsternis» verarbeitete, dringt ins Landesinnere vor, sieht sich mit seinem Trupp aber bald von Ureinwohnern umstellt. Gegen die Auslieferung Tarzans will der Häuptling den Belgiern aber die Diamanten überlassen.

Düster ist diese ganz in Grau und Blau getauchte Auftaktszene, überzeugend könnte man die Farbdramaturgie nennen, verkommt aber zur Sauce, wenn sich diese durch den ganzen Film zieht, Rückblenden konsequent in warmes Gelb, bedrohliche Szenen in Graublau und Dschungelszenen ganz in Grün getaucht werden.

Um Tarzan (Alexander Skarsgård) – oder eben John Clayton III,, Lord of Greystoke – in den Dschungel zu locken, lädt der belgische König im Auftrag Roms den inzwischen mit seiner Frau Jane (Margot Robbie) auf einem englischen Landsitz lebenden Dschungelhelden zu einer Reise durch den Kongo ein, um ihm angeblich die Leistungen der belgischen Kolonialregierung zu zeigen. Clayton lehnt zunächst ab, doch der US-Botschafter George Washington Williams (Samuel L. Jackson), ein historisch verbürgter Kämpfer für Menschenrechte und Aufdecker der Missstände im Kongo, kann ihn mit dem Hinweis, dass dadurch die belgische Ausbeutung des Kongos aufgedeckt werden könne, zur Teilnahme an der Reise überreden.

Er selbst und auch Jane wollen Clayton dabei begleiten, doch kurz nach der Ankunft in Zentralafrika werden sie von Rom gefangen. Clayton und Williams können entkommen, doch um Jane zu befreien muss Clayton alias Tarzan nicht nur den Dschungel durchqueren, sondern seine animalischen Triebe und Kräfte wieder aktivieren.

Nur als Backstory wird in mehreren Rückblenden die Geschichte vom Aufwachsen des Kindes schiffbrüchiger Briten im Dschungel unter Gorillas erzählt, doch in der Haupthandlung wiederholen sich die klassischen Momente. Auch hier kann Tarzan mit den Tieren kommunizieren, muss mit einem feindlichen Gorilla kämpfen, kann befreundete Elefanten begrüßen, schwingt sich von Liane zu Liane und auch der legendäre Schrei darf nicht fehlen.

Rein technisch vermag die Digitalisierung von Dschungel und Tieren zu beeindrucken, doch Atmosphäre entsteht dadurch kaum. Nicht weniger künstlich als die Studiowelten der 1950er Jahre wirkt hier das Ambiente, lässt jede Echtheit vermissen.

Blass bleiben auch die Figuren. Keine Konturen kann Alexander Skarsgård seinem Tarzan verleihen, beschränkt sich darauf seinen mit Fortdauer des Films zunehmend entblößten muskulösen Oberkörper zu präsentieren, für den der Schwede ein halbes Jahr trainiert haben soll. Margot Robbie als Jane bleibt auf ein Love-Interest reduziert, das nett anzusehen ist, dessen selbstbewusstes Auftreten gegenüber ihrem Entführer Rom aber kaum packt.

In der Rolle des großen Bösewichts variiert Christoph Waltz ein weiteres Mal das Muster, mit dem er als SS-Mann Landa in Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds» berühmt wurde, wirkt aber inzwischen nur noch wie eine Parodie dieser Paraderolle. Für Witz und Charme kann hier nur Samuel L. Jackson als US-Botschafter sorgen, kann er doch zudem die US-Geschichte mit Sklavenbefreiung nach dem Bürgerkrieg und grausamen Indianerkriegen ins Spiel bringen.

Die antirassistische und antikolonialistische Stoßrichtung, die Harry-Potter-Regisseur David Yates anschlägt, bleibt allerdings äußerst zwiespältig. Zwar wird Rom und das Verhalten der Belgier angegriffen, doch erscheinen die Briten, die wohl keine weniger brutale Kolonialpolitik betrieben als Gutmenschen.

Zudem wird Tarzan ganz im Stile von Burroughs von der imperialistischen Idee der Überlegenheit des weißen Mannes geprägte Vorlage zu einem Übermenschen stilisiert, der nicht nur Tiere, sondern auch die einheimischen Stämme lenken und so den Sieg über Rom davontragen kann, während die Afrikaner ohne diesen weißen Führer hilflos wirken.

Das Leid und die Ausbeutung, die Afrika und der indigenen Bevölkerung durch den Imperialismus widerfuhr, wird am Beginn zwar aufgezeigt, in der Befreiung von versklavten Stämmen und im finalen Sieg Tarzans und der Afrikaner, der natürlich keineswegs der historischen Realität entspricht, aber wieder relativiert und verharmlost.

So schwach wie in der Handlungsentwicklung, die weitgehend nur aus einer ziemlich beliebigen Abfolge bildstarker und spektakulärer Szenen besteht, bleibt «Legend of Tarzan» so in der Imperialismuskritik, stürzt damit gleichzeitig aber auch durch die Mischung von Legende und historischen Fakten in ein Dilemma. Denn einerseits will das ein ziemlich einfach gestrickter Abenteuerfilm für ein sehr jugendliches Publikum sein, andererseits aber einen ernsten historischen Kommentar bieten, mit dem das Publikum des ersteren wenig wird anfangen können. – So ist dieses 3D-Spektakel weder Fisch noch Fleisch und eine künstlerische Enttäuschung - und auch der kommerzielle Erfolg erscheint äußerst zweifelhaft.

Läuft derzeit in den Kinos

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