The Survivalist

25.08.2016 Walter Gasperi

In einer postapokalyptischen Welt kämpft ein Mann auf seiner kleinen Farm ums Überleben. – Stephen Fingletons minimalistischer, äußerst konzentriert inszenierter und beinahe dialogloser Thriller ist bei Pierrot Le Fou auf DVD und Blu-ray erschienen.


Vor schwarzem Hintergrund beschreibt eine rote Linie die Bevölkerungsentwicklung in den letzten Jahrhunderten. Ab 1900 kommt eine blaue Linie dazu, die die Entwicklung der Ölförderung markiert. Auf den steilen Anstieg beider Linien folgt ein Sturz ins Bodenlose: Mit einer simplen Grafik wird so meisterhaft verknappt die globale Katastrophe beschrieben, nach der der Film einsetzt.

Auch hier überrascht der Brite Stephen Fingleton, denn während postapokalyptische Filme meist in trockenen Wüstenregionen oder zerstörten Städten spielen, versetzt «The Survivalist» den Zuschauer in eine von sattem Grün bestimmte Waldgegend. Alleine lebt hier der namenlose Protagonist (Martin McCann), bebaut eine Farm, legt Fallen, geht den alltäglichen Arbeiten nach. Ein Foto verweist auf eine frühere Familie, doch bald wird er dieses ebenso verbrennen wie eine Bibel.

Die nah geführte Kamera gewährt kaum einmal einen Überblick, erzeugt Enge und Beklemmung und versetzt den Zuschauer in die Position dieses Überlebenden. Musik und Dialog sind hier nicht nötig, um seine Anspannung, seine permanente Angst vor einem Überfall zu vermitteln.

Misstrauisch, mit dem Gewehr im Anschlag reagiert er auch auf eine Frau (Olwen Fouéré) und ihre etwa 18-jährige Tochter (Mia Goth), die um Essen bitten. Weist der Mann sie zunächst ab, nimmt er sie dann doch auf: Das Geschäft lautet Essen gegen Sex – auf elementare Triebe ist das Leben der Menschen reduziert. Schmuck hat hier keinen Wert mehr, Gemüsesamen sind das wertvollste Gut.

Langsam entwickelt sich zwischen dem Trio aber ein labiles Beziehungsgefüge, denn die Tochter entwickelt Gefühle für den Mann, während die Mutter ihn nur nach seiner Nützlichkeit beurteilt. Solange nämlich Gefahren von außen drohen sind sie aufeinander angewiesen, werden allerdings die Lebensmittel knapp, kommen wieder Gedanken von Mord auf, um das eigene Überleben zu sichern.

Ganz auf die Farm konzentriert und weitgehend nur mit drei Schauspielern entwickelt Fingleton die Handlung ungemein konzentriert. Die räumliche Engführung und die dunklen, teils auch schmutzigen Grüntöne erzeugen eine dichte Atmosphäre, starke schauspielerische Leistungen von Martin McCann, Mia Goth und Olwen Fouere halten die Spannung hoch.

Spektakuläre Actionszenen sind hier nicht nötig. Viel Zeit lässt sich Fingleton dafür für die Schilderung alltäglicher Arbeiten, für den Kampf ums nackte Überleben und die Befriedigung der Grundbedürfnisse, die Evokation des Misstrauens und der Angst sowie die sich ändernden Beziehungen innerhalb des Trios.

Gesprochen wird dabei nur wenig – das erste Wort fällt nach gut 15 Minuten -, auch auf Musik wird verzichtet, minimalistisch, aber gerade dadurch äußerst wirkungsvoll ist das Sounddesign. Fingleton vertraut ganz auf die Kraft der Bilder, die Gestik und Mimik der Schauspieler und die kompakte Erzählweise. - Ein Lehrstück in Sachen Minimalismus ist dieser für knapp 1,3 Millionen Euro gedrehte Film, dessen für die Förderstellen gedrehte Vorstudie «Magpie» auf Vimeo gesichtet werden kann. Eindrucksvoll beweist der Brite, wie wenig nötig ist, um ein packendes Kinostück zu inszenieren.

An Sprachversionen bieten die bei Pierrot Le Fou erschienene Blu-ray und DVD die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben einem Making Of und dem Trailer die zwei Kurzfilme «Insulin» und «Awaydays», zu denen Fingleton das Drehbuch schrieb. Beide zeichnen sich durch eine ähnliche Konzentriertheit und düstere Stimmung wie «The Survivalist» aus und «Awaydays», in der ein Vater seine Kinder für die Zeit nach dem Zusammenbruch der Zivilisation vorbereitet, liefert quasi die Backstory zu dem meisterhaften Langfilmdebüt.

Trailer zu «The Survivalist»

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