Neues von einer alten Bekannten

25.07.2016 Kurt Bracharz

Von den in der Schweiz jährlich produzierten ca. 160.000 Litern Absinth kommen heute 125.000 Liter aus dem im Jura gelegenen Val-de-Travers, in welchem diese Wermut-Spirituose um die Wende vom 18. auf das 19. Jahrhundert erfunden worden ist. Heute entfallen drei Viertel der Absinthproduktion im Val-de-Travers auf zwei oder drei professionelle Brennbetriebe, das verbleibende Viertel wird von Kleinproduzenten erzeugt.


Die lokalen Absinthbrenner haben sich in der Association interprofessionelle de l’Absinthe (AIA) zusammengeschlossen und jetzt beim Bundesamt für Landwirtschaft beantragt, dass die Bezeichnung «Absinthe du Val-de-Travers IGP» registiert werden soll. IGP heißt Indication Géographique Protégée und bedeutet, dass jede Ingredienz aus der Region stammt, wobei es beim Absinth vor allem um die Herkunft des Wermuts geht. Im Val-de-Travers wird diese Pflanze derzeit nämlich auf weniger als einem Hektar Fläche angebaut.

Die Absinthbrenner hatten zuerst beantragt, das Wort «Absinth» als Marke schützen zu lassen, waren damit aber letztlich vom Bundesverwaltungsgericht abgewiesen worden, weil sich andere Schweizer und französche Hersteller dagegen ausgesprochen hatten. Auch gegen den neuen Antrag gab es Widerstand, sogar innerhalb der AIF, mit dem Argument, wenn derzeit verwendete ausländische Zutaten wegfielen, werde sich der Geschmack des Getränks ändern. Diesen internen Gegnern des Gesuchs an das Bundesamt für Landwirtschaft sagte der AIF-Präsident Frédéric Rothen, sie könnten ja weiterhin ihre Produkte als «Feé verte» oder «La Bleue» bezeichnen.

Das werden auch die Absinth-Erzeuger in Tschechien, Deutschland, Österreich etc. tun, die vom Mythos Absinth profitieren, obwohl manche ihrer Produkte diesen Namen nicht verdienen. Die Abgrenzung von irgendwelchen ausländischen Pseudo-Absinthen dürfte das gewichtigere Argument für das Ansuchen um die IGP-Bezeichnung gewesen sein als das strikte Bestehen auf Wermutpflanzen aus dem Val-de-Travers, die auch nicht anders schmecken als jene aus Osteuropa. Neben Wermut sind Anis und Fenchel immer Bestandteil der Absinthkräutermischung, dazu kommen dann je nach Geschmack des Erzeugers noch andere aromatische Pflanzen, so dass sich ähnlich wie beim Wacholderschnaps Gin, der ja seit einigen Jahren auch nach allem Möglichen schmecken kann, eine Aromenvielfalt ergibt.

Das Food-Magazin «Effilée» bringt in der aktuellen Ausgabe (Sommer 2016) ein Gespräch mit dem 82-jährigen Absinthbrenner und –trinker Nicolas Giger aus Môtiers, in dem dieser vernünftige Ansichten zum immer noch mythenschwangeren Thema Absinth vertritt. So sagt er, dass die Künstler in Paris dem Absinth frönten, weil er das billigste alkoholische Getränk war, dass aus demselben Grund das Schweizer Absinthverbot 1910 auf die Waadtländer Winzer zurückzuführen war, und dass neuere Forschung sagt, man müsse über 40 Gläser Absinth trinken, damit man genug von dem im Wermut enthaltenen Nervengift Thujon im Blut habe, um Halluzinationen zu erfahren. Eben, sagt Nicolas Giger, «genau deswegen höre ich beim neununddreißigsten Glas auf».

Das Foto zeigt eine Vorarlberger Grüne Fee, ganz in Rot.


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