Amateur

18.08.2016 Walter Gasperi

Ein Mann ohne Gedächtnis, eine aus einem Kloster ausgetretene Nonne, die als Autorin von Pornogeschichten ihren Lebensunterhalt verdient, eine Porno-Darstellerin, die ein neues Leben beginnen möchte. – Um dieses Trio entwickelte Hal Hartley 1994 eine meisterhafte, lakonisch-melancholische Thriller-Romanze, die bei KNM auf DVD erschienen ist.


Wie tot liegt der Mann im Anzug auf den Pflastersteinen einer Seitenstraße. Nur kurz nähert sich ihm eine schwarz gekleidete Frau, rennt dann davon. Als der Mann doch noch erwacht, bringt ein Schnitt den Zuschauer in ein Café, in dem eine Frau an einer Kurzgeschichte für ein Pornomagazin arbeitet.

«Und dieser Mann wird sterben» sind ihre ersten Worte und unklar ist zunächst, ob das zuvor Gesehene nur Teil ihrer literarischen Fiktion ist, bis der Mann das Café betritt. Mehrfach durchdringen sich in «Amateur» filmische Realität und literarische Fiktion und das Ende des Films kann durchaus wieder als Reflex auf den ersten Satz gelesen werden.

Die Pornoautorin namens Isabelle (Isabelle Huppert), die 15 Jahre in einem Kloster lebte, nimmt den Mann (Martin Donovan), der an Amnesie leidet, jedenfalls bei sich auf. Einerseits will sie mit ihm ihre erste Liebesnacht erleben, andererseits ihm aber auch helfen seine Identität wieder zu finden.

Bald werden sich die Wege des Duos mit denen der Frau in Schwarz (Elina Löwensohn) kreuzen. Diese stand einst in enger Beziehung zu Thomas und weiß als einzige über dessen dunkle Vergangenheit und Identität Bescheid. Weil Sofia aber versucht eine Gruppe international operierender Waffenhändler zu erpressen, wird das Trio bald von zwei Auftragskillern gejagt.

Obwohl «Amateur» in New York spielt, wird man den Big Apple kaum identifizieren können. Nicht nur auf die klassischen Schauplätze verzichtet Hartley, sondern bleibt auch nah an den Figuren, bietet kaum einmal mit Totalen einen Überblick, sondern arbeitet vorwiegend mit Großaufnahmen.

Mehr als ein klassischer Thriller ist «Amateur» ein Spiel mit Thriller- und Film noir-Situationen, die Hartley gekonnt und witzig immer wieder ins Absurde kippen lässt. Ein Spielfilm im wahrsten Sinn des Wortes ist das hiermit, ein Film, in dem der Plot vor allem Anlass ist, um dem Regisseur Raum zum Spiel mit filmischen Standardsituationen und den Schauspielern Raum zum Spiel mit ihren Rollen zu geben.

Hartley und seine drei zurückhaltend und lakonisch spielenden Hauptdarsteller beherrschen dies so perfekt, dass man mit großem Vergnügen dieser filmischen Perle folgt, die ihren Reiz auch aus dem Widerspruch zwischen dem schäbigem Milieu und der Künstlichkeit der sorgfältig gestalteten Bilder und den meisterhaft knappen und prägnanten Dialoge entwickelt.

Lakonisch und elliptisch verdichtet ist die Erzählweise. Weniger auf Actionszenen als vielmehr auf die Interaktion der Figuren setzt Hartley und erzeugt bei diesem Mix aus Thriller, Romanze und Komödie durch perfektes Timing der Szenen, souveränen Wechsel zwischen Ruhe und Bewegung und vortreffliches Gespür für die Variation klassischer Filmsituationen eine traumhafte Stimmung und Leichtigkeit, die bezaubert.

Geschickt spielt die Ikone des Independent-Films, um die es nach vielfach beachteten Filmen in den frühen 1990er Jahren rasch wieder ruhig wurde, mit dem Doppelgängermotiv, wenn die Ex-Nonne Isabelle sich der Pornodarstellerin Sofia angleicht, indem sie deren Kleidung anzieht, oder zwei Auftragskiller beinahe identisch aussehen und agieren. Mit dem neuen Leben Isabelles und Sofias Wunsch nach einem Neuanfang kommt freilich auch die Hoffnung auf Erlösung ins Spiel, die es auch für den gedächtnis- und damit geschichtslosen Thomas geben könnte.

Überzeugend führt so auch die Handlung im Finale ins Kloster, aus dem Isabelle einst austrat, doch Erlösung scheint es in dieser Welt des Verbrechens und Verrats nicht zu geben, vielmehr fällt Thomas einer tragischen Verwechslung zum Opfer und «Amateur» endet so abrupt wie er begonnen hat.

An Sprachversionen bietet die bei KNM erschienene DVD die englische Original- und die deutsche Synchronfassung, aber keine Untertitel. Die Extras beschränken sich leider auf den deutschen Kinotrailer, dessen Bildqualität zudem nicht überzeugen kann.

Trailer zu «Amateur»

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