Cui bono?

18.07.2016 Kurt Bracharz

Es mag ja sein, dass es unter den türkischen Militärs noch ein paar verkalkte Kemalisten gibt, die glauben, eine Rückkehr zu der seinerzeit von Atatürk dem schweizerischen Modell nachgebildeten türkischen Verfassung sei irgendwie möglich, und sei es durch einen Militärputsch. Dass die allerdings strategisch vollkommen unfähig sind und ihren Putsch so dämlich wie möglich durchführen – was soll man davon halten?


Selbst der dümmste Infanterist weiß, dass man gut daran tut, dem Gegner als erstes den Kopf abzuschlagen (in islamischen Regionen wird diese Anweisung wörtlich genommen), also nicht etwa das Parlament zu beschießen, sondern den Palast des wirklichen Machthabers. Selbst in den finstersten Winkeln Schwarzafrikas haben bei zahllosen Putschen der vergangenen Jahrzehnte noch die grellsten Gestalten wie etwa der in mancher Hinsicht unübertreffliche Idi Amin ihre Machtübernahme damit begonnen, dass sie den aktuellen Machthaber umbrachten, einsackten oder wenigstens in einem Gebäude fixierten.

Bei modernen Umstürzen besetzt man außerdem sofort die Kommunikationszentren, um sich selbst ihrer zu bedienen und es den Gegnern zu verunmöglichen. Einfach mit Panzern auf der Straße herumzurollen, um die Leute einzuschüchtern, haben zuletzt nur noch die Russen in Ungarn und in der Tschechoslowakei getan, und selbst die führen heute neben ihren konventionellen Attacken Cyberkrieg.

In der Türkei soll also ein außergewöhnlich dilettantischer Putschversuch von Militärs gescheitert sein. Erdogan sprach von einer «Gottesgabe», die ihm nun eine Zerstörung der von ihm behaupteten Parallelstrukturen ermögliche. Anders gesagt: Besseres konnte ihm gar nicht passieren, das posaunt er selbst aus. Eine alte journalistische Empfehlung sagt, man solle sich fragen, wem etwas nützt, das sei nämlich höchstwahrscheinlich der, der es ausgelöst hat. Während Erdogan den in den USA im Exil lebenden islamischen Prediger Fetullah Gülen beschuldigte, hinter dem Putsch zu stecken, kam doch auch sofort die Ansicht auf, der misslungene Putsch sei eine Inszenierung Erdogans gewesen.

Wenn man dieser Anschauung einmal versuchsweise nähertritt, ist das natürlich eine Verschwörungstheorie – allerdings keine ganz absurde, denn vielleicht hat ja diesmal eine reale Verschwörung stattgefunden: Ein paar möglicherweise vorhandenen putschbereiten Dummköpfen (welcher Provenienz auch immer) wurde mit Erdogans Einverständnis von einem der türkischen Geheimdienste signalisiert, genau jetzt sei der Zeitpunkt zum Losschlagen gekommen. Eine klassische Falle also. Das Ersticken des Putsches im Keim war dann kein Problem, und auf ein paar hundert Tote kommt es Erdogan im Zuge seiner Machtsicherung gewiss nicht an.

Aber schön – das ist wirklich nur eine Verschwörungstheorie, auch wenn sie zu diesen Geschehnissen passt wie der Arsch auf den Eimer. Wirklich lächerlich ist hingegen das beflissene Gefasel westlicher Politiker, dass so ein Militärputsch gegen eine Demokratie etwas ganz, ganz Schlimmes wäre. Gegen was für eine Demokratie denn? Ist denn noch anderswo geputscht worden, und ich habe es nicht mitbekommen?

Eine Militärdiktatur ist unter den Formen der «Postdemokratie» (schönes Wort, gell? Wird in letzter Zeit ernsthaft von Politikern verwendet) das Vorletzte; das Letzte ist dann der Gottesstaat.


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