Geschichtslehren

17.07.2016 Haimo L. Handl

Der Putschversuch in der Türkei zeigt, wie das Attentat in Nice, Hintergründe, die der jeweiligen Staatssicht nicht genehm sind und überdeckt werden. Es klafft ein Widerspruch zwischen Programm, Durchsetzung und der Behauptung, man sei im Recht bzw. habe alles im Griff. Das Gegenteil ist der Fall, auch wenn für den Moment der islamofaschistische Führer triumphiert bzw. Präsident Hollande zum Xten Male die Grande Nation und Herrlichkeit der superglorreichen Republik beschwört.


Der Putsch wurde etwas dilettantisch unternommen. Aber er zeigt, dass trotz Staatsterror und religiös-fanatischer Unterstützung der Widerstand nicht ausgelöscht worden war und auch in Zukunft existent sein wird. Eines Tages wird es dem eitlen Pascha vom Bosporus ergehen wie dem Diktator Nicolae Ceaușescu. Das wird auch die massive Unterstützung des Westens nicht verhindern können. Gegenwärtig sitzt er fest im Sattel, hat die USA, NATO, EU hinter sich und, ganz wichtig, die Mehrheit der Türken, auch im Ausland.

Letzteres beweist die Kurzsichtigkeit vor allem der deutschen Türkenpolitik. Man hätte nie die zweite Staatsbürgerschaft so freigiebig verteilen dürfen, wie die Deutschen es taten. Sie haben sich eine große Gemeinde von Europafeinden, türkischen Fanatikern und moslemischen bzw. islamischen Nationalisten eingebürgert. Die Reaktionen der offiziellen Türkei anlässlich der Bundestagssitzung zum türkischen Genozid an den Armeniern, unterstützt von weiten Kreisen der Deutschtürken, die eigentlich immer noch Türken in Deutschland sind, bewies das perverse Verständnis des türkischen Nationalismus, die Demokratiefeindlichkeit.

Ähnlich wie die freudig gleichgeschaltenen Deutschen unter ihrem Führer bis zuletzt zum Regime standen und stur, hart wie Kruppstahl, unbeugsam, keiner Vernunft folgten, nur der rohen Bombengewalt nachgaben, weil sie einfach nicht mehr konnten, so jubeln die Mehrheit der Türken, auch im Ausland, wo sie freier denken und leben (könnten), ihrem Führer und seinem islamischen, undemokratischem Programm zu, weil sie eben können und breite Unterstützung erfahren. Eine Gefahr für die Zukunft, die auch die übertoleranten Gutmenschen nicht wegreden können.

In Frankreich wiederum beweist das Attentat, dass der ganze Abbau von Bürgerrechten, die obszöne Dauerüberwachung, der peinliche Ausnahmezustand, die tiefe Hysterie, die hohe Präsenz von Militär und Polizei, die permanente Wachsamkeit, nicht taugen, den Terror zu verhindern. Frankreich müsste konsequenterweise ein totaler Polizeistaat werden, nicht nur ein halber wie jetzt. Oder müsste sich besinnen, dass die beschworene offene Lebensart westlicher Freiheit unter den Symbolen der ehrwürdigen Französischen Revolution nicht ausreicht, vor allem nicht, wenn das Land so tief gespalten ist, so hohe Anteile höchst unzufriedener Gruppen hat, die einerseits ihre miese Soziallage nicht verkraftet, andererseits unwillig und unfähig ist, ihren Status zu ändern, und deshalb ihre Ängste, Frustration, Wut auf Feinde, Sündenböcke projiziert. Frankreich steht, wenn es so weitergeht, vor einem Bürgerkrieg. Die extremen Rechten wittern ihre Chance, wie in anderen EU-Ländern inklusive Österreich auch, und intensivieren ihre Angstpolitik, schüren Hass und Ressentiment, bereiten den «Befreiungsschlag» vor. Frankreich müsste in so einer Besinnung das Gegenteil der verlogenen Ausbeutepolitik betreiben. Das gilt aber für jedes EU-Land. Die Europäische Union betreibt eine Profitpolitik für einige wenige Gewinnler, verteilt Vermögen von unten nach oben, und meint, mit einigen Begünstigungen die Bürger abspeisen zu können. Das wird auf Dauer nicht gut gehen, außer man hält noch mehr Bereiche unter strikter Kontrolle, verfolgt und jagt Abweichler, Dissidenten, Verweigerer.

Noch hätte Europa die Wahl: den türkischen Weg der Fanatisierung, den bisherigen der Täuschung, des Betruges, der Kriege und der einseitigen Unterstützung der mächtigen 1% oder ein Europa für die Bürger mit entsprechender Marktkontrolle.

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.