Toni Erdmann

19.07.2016 Walter Gasperi

Längst entfremdet haben sich der Alt-68er Winfried und seine als Unternehmensberaterin in Bukarest arbeitende Tochter Ines, doch dann beginnt der Vater auf ungewöhnliche Weise um die Beziehung zu kämpfen. – Mit genauem Blick für Alltag und Figuren, hinreißenden Einfällen und zwei überragenden Hauptdarstellern gelang Maren Ade ein in Cannes von der Kritik gefeiertes Meisterwerk.


Auf Kriegsfuß steht das deutsche Kino häufig mit der Komödie. Oft kommt dabei nur Peinliches oder billiger Klamauk heraus. Und dann schreckt Maren Ade auch nicht vor der stattlichen Überlänge von 162 Minuten zurück. Doch alle Ängste wischt sie im Grunde schon mit der ersten Einstellung weg: Unbewegt blickt die Kamera von Patrick Orth minutenlang auf die Haustür eines deutschen Einfamilienhauses, lässt den Paketboten klingeln und den Hausbesitzer mit diesem seine Scherze treiben.

Wie in dieser Szene setzt Ade im ganzen Film auf eine ruhige, aber genaue Beobachtung des Alltags und schaut wie Mike Leigh oder Andreas Dresen dem Leben bei der Arbeit zu. Spielerisch leicht gewinnt sie durch diese Erdung und die daraus resultierende Schein-Authentizität das Interesse des Zuschauers und kann getrost auf dramatische Handlungsentwicklung verzichten. Viel Raum lässt sie dafür in langen Einstellungen ihren Schauspielern, um ihre wechselnden Gefühle zu vermitteln. Ganz ohne Filmmusik kommt die 39-jährige Regisseurin aus, die Wahrhaftigkeit des Spiels reicht völlig, um den Zuschauer ins Geschehen zu involvieren.

Im Leben des etwa 65-jährigen Musiklehrers Winfried (Peter Simonischek) läuft es nicht rund. Soeben ist ihm sein letzter Schüler abgesprungen, seiner Tochter (Sandra Hüller), die als Unternehmensberaterin in Bukarest arbeitet, hat er nicht viel zu sagen, als er sie bei einer Familienfeier bei seiner Ex-Frau trifft. Und dann stirbt auch noch sein altes Hündchen Willi.

Ade dramatisiert nicht, kommt ohne Worte aus, wenn Winfried morgens neben dem toten Hündchen erwacht, aufsteht und – wohlweislich nicht in Großaufnahme, sondern im Bildhintergrund – flennend an der Hecke steht. Zu Tränen rühren kann diese Szene den Zuschauer, macht bewusst, was dieser Mann mit Willi verloren hat.

Ohne Übergang kann er folglich auch schon in der nächsten Einstellung bei seiner Tochter in Bukarest auftauchen. Doch der toughen Unternehmensberaterin, die ständig am Handy hängt oder Präsentationen vorbereitet und nur an wichtige Geschäftspartner und –termine denkt, ist ihr Loser-Vater nur peinlich. Sie versucht ihn in der Hotel-Lobby zu übersehen, kann ihm aber doch nicht entkommen und nimmt ihn folglich in ihrem Appartement auf. Mit der Käsereibe, die er als Geburtstagsgeschenk mitbringt, kann sie nichts anfangen, seine Frage, ob sie glücklich sei, schmettert sie kühl ab, lässt den Vater nicht an sich herankommen.

Meisterhaft baut Ade mit großem Einfallsreichtum Szenen von hinreißendem Witz auf, die dann aber immer wieder bruchlos ins Tragische kippen, zutiefst berühren, weil sichtbar wird, wie sehr den Vater der Bruch in der Beziehung, an dem er freilich sicher auch selbst Schuld trägt, schmerzt.

Gleichzeitig weitet sich der Blick über die Vater-Tochter-Beziehung, wenn Ade über den Job der Tochter bissig mit der männlich dominierten Unternehmerwelt, aber auch mit der Ausbeutung Rumäniens durch den Westen und der Arroganz der Mitteleuropäer abrechnet. Jede Emotionalität und Natürlichkeit scheint diesen Managern längst abhandengekommen, wie Maschinen agieren sie auf Knopfdruck, sind sich selbst fremd geworden.

Winfried durchschaut, dass das Leben seiner Tochter pure Fassade ist, verlässt scheinbar Bukarest, kehrt dann aber mit falschen Zähnen und zottigen Haaren als Toni Erdmann und angeblicher Lebenscoach der Tennislegende Ion Tiriac zurück. Während sie überangepasst ist und möglichst alle Vorstellungen und Wünsche ihres Bosses und der Geschäftspartner zu erfüllen versucht, fällt er komplett aus der Rolle, will mit abweichendem Verhalten irritieren und provozieren und setzt dabei zum Vergnügen der Zuschauer auch diverse Scherzartikel ein.

Doch spätestens wenn Ines zu seinem Klavierspiel bei der Osterfeier einer rumänischen Familie zuerst schüchtern und dann immer energischer Whitney Hustons «Greatest Love of All» singt und förmlich aus sich herausschreit, erlebt ihre Beziehung quasi eine Auferstehung, beginnt sie über ihr Leben zu reflektieren und wird schließlich im wahrsten Sinne des Wortes nackt dastehen.

Weil diese Befreiung aber schon rein physisch nicht einfach ist, wird bei Ade daraus eine der zahlreichen denkwürdigen Szenen dieses Films, während die Verkleidung des Vaters ganz andere Ausmaße annehmen wird – und damit nicht weniger im Gedächtnis haften bleiben wird.

Was nach einer üblichen Familienfindungsgeschichte klingt, ist doch etwas ganz anderes, ganz Wunderbares, weil Ade völlig befreit erzählt, man nicht das Drehbuch rascheln hört, sondern sie den Szenen und den Schauspielern Zeit und Raum lässt. Wunderbar zugeknüpft und steif spielt Sandra Hüller die Tochter, wird aber noch übertroffen von Peter Simonischek, dem das Kunststück gelingt in jeder Szene überzeugend einen Mann zu spielen, der wiederum jemand anderen spielt. Wie dieses Duo harmoniert, trägt wesentlich zum Gelingen von «Toni Erdmann» bei, doch auch die Bedeutung der punktgenauen Besetzung der Nebenrollen sollte man nicht unterschätzen.

Dass Ade mühelos das Interesse über knapp drei Stunden aufrecht halten kann, liegt aber nicht nur an den Schauspielern, sondern auch an der präzisen Verankerung der Handlung im geographischen und sozialen Raum von den Geschäftsbesprechungen über die Hotellobbys, Restaurants und Bars bis hin zur rumänischen Provinz, sowie an ihrem Einfallsreichtum. Nie weiß man nämlich, wie diese Tragikomödie weiter gehen wird, stets aufs Neue folgen überraschende Wendungen.

Eine abrupte Wende bringt auch das Finale, aber auch eine Rückkehr zum Beginn und zur Frage nach dem Zentralen im Leben. Nur kurz freilich wird letztere direkt thematisiert, im Kern aber ist der ganze Film ein Plädoyer sich von der gesellschaftlichen Überanpassung und der Orientierung an fremden Erwartungen zu lösen, die Masken fallen zu lassen und wieder zu seinen Gefühlen, seiner Identität zu finden.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und im Feldkircher Kino Rio

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