Blow Out

11.08.2016 Walter Gasperi

Ein Toningenieur glaubt, dass hinter dem Unfall eines Präsidentschaftskandidaten in Wahrheit ein Mord steckt und beginnt zu recherchieren. – Brian De Palma mixt in seinem 1981 entstandenen Thriller US-Paranoia-Kino mit den Spannungsstrategien Alfred Hitchcocks und Michelangelo Antonionis «Blow Up». Der visuell brillante und hochspannende Film ist bei Koch Media als edles 3-Disc-Mediabook erschienen.


Ein inszenatorisches Meisterstück ist schon die Eröffnungsszene: In langer Steadycam-Fahrt gleitet die Kamera um ein Studentenheim, in dem sich einige Mädchen vergnügen. Ein Sicherheitsmann will sie beobachten, wird aber sogleich von einem Angreifer, der identisch mit dem Kameramann ist, niedergestochen. Doch auch die Mädchen sind nicht sicher, denn der Mörder dringt ins Heim ein und bis zu einer Dusche vor, bei der die Szene mit dem Schrei des Mädchens abbricht.

Als Film-im-Film entpuppt sich dieser Auftakt, ist unübersehbar eine Reverenz an Hitchcocks «Psycho», doch der Todesschrei, der mehr an eine Opernarie erinnert, erfreut den Regisseur wenig. Aber nicht nur der Schrei muss nachsynchronisiert werden, sondern Toningenieur Jack Terry (John Travolta) soll auch noch Naturgeräusche sammeln. Dabei wird er Zeuge des Autounfalls des Präsidentschaftskandidaten George McRyan, kann aber die junge Sally (Nancy Allen) aus dem im Fluss versinkenden Wagen retten.

Beim Abhören der Tonaufnahmen erhärtet sich für Jack der Verdacht, dass der Reifenplatzer, auf den der Titel anspielt, durch einen Schuss ausgelöst wurde. Doch niemand will ihm glauben. Verschweigen soll er auch, dass Sally im Wagen McRyans saß, der zudem Geld versprochen wird, wenn sie die Stadt verlässt. Doch Jack lässt nicht locker, bringt mit seinen Recherchen aber auch Sally in Gefahr.

Auf den Spuren des amerikanischen Paranoia-Kinos der 1970er Jahre wandelt hier Brian De Palma in der Anlage der Handlung, doch dieser politische Aspekt dient dem Hitchcock-Epigonen nur als Aufhänger für einen spannenden Thriller.

Ziel des 1940 geborenen Amerikaners ist es in erster Linie mit der beweglichen Kamera von Vilmos Zsigmond, die immer wieder gleitet und in einer Szene endlos kreist, mit überraschenden Kameraperspektiven und extremen Aufsichten, mit Splitscreen, bei dem neben direkter Bildtrennung auch mit innerer Teilung des Bildes in mehrere Ebenen gearbeitet wird, den Zuschauer zu manipulieren und Thrillerspannung zu erzeugen. – Der Gefahr der selbstverliebten Demonstration seiner inszenatorischen Fähigkeiten entgeht De Palma dabei, setzt auch die für ihn typische Zeitlupe nur sehr reduziert ein.

Visuell brillant arbeitet Zsigmond bei dem in Philadelphia gedrehten und um den Liberty Day spielenden Film auch mit den amerikanischen Nationalfarben Rot, Blau und Weiß, die farblich jede Szene bespielen. Gekonnt werden auch in der Nachfolge Hitchcocks öffentliche Plätze wie Bahnhof und U-Bahnstation für Treffen verwendet, in denen sich langsam Bedrohung und Gefahr aufbaut, und effektvoll ein großes Feuerwerk als Hintergrund für ein bitter ironisches Finale benützt, das man als Anspielung auf das Ende von Hitchcocks «Vertigo» ansehen kann.

Gleichzeitig spielt De Palma aber auch mit Michelangelo Antonionis «Blow Up», denn wie dort der Protagonist auf Fotos einen Mord zu entdecken glaubt, glaubt hier Jack mit seinem Mikrofon, das wiederum wie ein Gewehr wirkt, Zeuge eines Verbrechens geworden zu sein.

Von der Film-im-film-Szene am Beginn, zu der «Blow Out» am Ende zurückkehren wird, entwickelt sich so ein Diskurs über Wahrhaftigkeit der Wahrnehmung und Täuschung. Brillant in die Thrillerhandlung verpackt reflektiert De Palma über das Medium selbst, wenn Jack die Ereignisse rekonstruiert, eine Fotosequenz zu einem Film montiert und seine Tonaufnahmen damit verbindet.

Wie Francis Ford Coppola in «The Conversation», der ebenfalls in der Nachfolge von «Blow Up» steht, erzählt De Palma dabei freilich auch von Abhören und Überwachung und der sich aus diesen Techniken ergebenden Paranoia, die hier freilich kein Wahn, sondern durchaus begründet ist.

An Sprachversionen bietet das bei Koch Media erschienene edle 3-Disc-Mediabook, das den Hauptfilm sowohl auf DVD als auch auf Blu-ray sowie auf einer weiteren DVD die Extras enthält, die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie englische und deutsche Untertitel. Das Bonusmaterial umfasst neben Trailer, Bildergalerie und einem informativen 16-seitigen Booklet über De Palmas Werk insgesamt jeweils rund 20-minütige Interviews mit Kameramann Vilmos Zsigmond, Produzent George Litto und Hauptdarstellerin Nancy Allen sowie ein 30-minütigens Featurette zur Filmmusik von Pino Donaggio.

Trailer zu «Blow Out»

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