Der Pilz der Unsterblichkeit

11.07.2016 Kurt Bracharz

Der Glänzende Lackporling (Ganoderma lucidum) ist heute weltweit unter seinem japanischen Namen Reishi bekannt; in China, wo er seit Jahrtausenden als ein sogar dem Ginseng überlegenes Heilmittel gilt und deshalb früher auch «Pilz der Unsterblichkeit» oder «Pilz des langen Lebens» genannt wurde, heißt er Ling Zhi, Ling Chi oder auch nur einfach Chih, im englischen Sprachraum Lacquered Bracket.


Der Glänzende Lackporling kommt auch in Mitteleuropa vor, herkömmliche Pilzbücher wie Ewald Gerhardts «Pilze», München 1985, schildern ihn leidenschaftlos mit Eigenschaften wie «Fleisch weißlich bis blass holzfarben, korkartig-zäh, Geruch und Geschmack unbedeutend» und als «ein beliebtes Sammelobjekt für Ikebana-Freunde», ohne ein Wort über angebliche Heilwirkungen zu verlieren.

Der Reishi ist kein Speisepilz, man kann ihn nicht frisch verwenden, sondern nur als Pilzpulver. Seit seine Züchtung auf Pflaumenbaumholz in den 1990-er Jahren in Japan gelungen ist, wird er weltweit kultiviert und die Reishi-Industrie mittlerweile auf ein Volumen von 2,5 Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Die traditionelle chinesische Medizin behandelte mit ihm Gelbsucht, Nierenentzündungen, Bluthochdruck, Gelenksentzündungen, Schlaflosigkeit, Bronchitis und Asthma.

Li Shi-Chen schrieb 1578 im Pen Taso Kang Mu: «Verzehrt man Ling zhi über eine längere Periode, erhöht sich die die Intelligenz und verschwindet die Vergesslichkeit. Die Flinkheit des Körpers wird nicht enden und die Jahre verlängern sich zu solchen von unsterblichen Feen.»

Heute ist besonders die Meinung verbreitet, der Reishi stimuliere durch seinen hohen Gehalt an Polysacchariden das Immunsystem und unterstütze deshalb vor allem bei der Bekämpfung von Tumoren die schulmedizinischen Behandlungsmethoden durch die Verstärkung der körpereigenen Abwehr. Auch die Zweifler an dieser Anschauung räumen ein, dass der Reishi, falls er nichts nützt, so doch auch bei regelmäßiger Einnahme jedenfalls nicht schadet.

Reishi wurde bisher hauptsächlich in Kapseln angeboten, ist aber seit einiger Zeit auch einfach als Pulver in Säcken auf dem Markt. Dieses braune Pulver kann man sich in dafür geeignete Speisen rühren oder als Tee aufgießen. Es schmeckt etwas bitter, leicht holzig und eigentlich genau nach dem, was der Lackporling ja auch tatsächlich ist – nach Baumschwamm.

Der Glänzende Lackporling hat in Europa mehrere Verwandte, denen keine Heilwirkung nachgesagt wird (worauf sie allerdings auch nie untersucht worden sind). In Japan wächst an Bambus der sehr ähnliche Ganoderma neo-japonicum, der ebenfalls immunmodulatorisch wirkende Polysaccharide und Antioxidantien enthält, aber giftig ist, das wiederholte Trinken eine Abkochung führt zu einer krankhaften Verminderung der roten und weißen Blutkörperchen und Blutplättchen. Noch schlimmer ist eine Verwechslung von Ganoderma lucidum mit dem den jungen Reishi-Exemplaren ähnlich sehenden Schlauchpilz Podostroma cornu-damae, der als der giftigste Pilz überhaupt gilt.


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