Weiß Schwarz

10.07.2016 Haimo L. Handl

Als bei einer Demonstration in Dallas, Texas, Heckenschützen fünf weiße Polizisten abknallten, war die Nation tief geschockt. Einige Politiker sprachen von einem Anschlag auf die Grundfesten des Landes, andere zeigten sich besorgt über die hohe Gewalt bzw. die rasante Gewaltspirale. Aber die Polizistenmorde werden noch extremere Gewalttaten der rassistischen Polizei decken, die Gewalt wird zunehmen.


«Polizistenmorde» ist ein zweideutiger Begriff. Dass Polizisten ermordet werden, ist eher ungewöhnlich, dass Polizisten töten, morden, ist regulär und gewöhnlich. Dass hinter den Resultaten der schussfreudigen Gesetzeshüter meist rassistische Motive liegen, scheint offensichtlich. Im «Profiling» von Schwarzen, im Abknallen von Schwarzen liegt ein System.

Man darf nicht vergessen, dass die Kernstücke der US-amerikanischen Gesellschaft, das Profitstreben und der Rassismus, fest verankert sind. Die wenigen Revolten der Bürgerrechtsbewegung haben zwar die schlimmsten Auswüchse dieses Rassismus gemildert, aber die schwarze Minderheit, die Nachkommen der ehemaligen Sklaven, sind immer noch nicht «gleich», obwohl die Nation viele Programme im Rahmen ihrer Equal Rights Bemühungen durchläuft. Zwischen Theorie und Anspruch und der Praxis klafft ein Abgrund. Heute kann ein Präsidentschaftskandidat nicht nur ungehindert, sondern heftig akklamiert, offen rassistisch auftreten.

Die US-amerikanischen Polizisten töten im Schnitt täglich drei Personen. Das macht allein 2016 fürs erste Halbjahr 545 Getötete. In der vergangenen Juliwoche wurden 24 Menschen erschossen. Für die Mehrheit der US-Bürger ist das «normal». Es ist der Preis für ihre Sicherheit, für die, die „ordentlich“, von der Erscheinung her schon, «systemkonform» sind. Die nicht gesondert mit Hass verfolgt werden, die keinem schändlichen Profiling ausgesetzt werden. Klar, dass es auch Weiße trifft. Aber die Mehrheit der Erschossenen, die für viele NICHT als Opfer gelten, sind Farbige, besonders Schwarze.

Als in der vergangenen Woche gleich zwei Schwarze ermordet wurden, und davon Videos ins Netz gestellt werden konnten, gab es Kritik. Präsident Obama sprach von einem gesamtamerikanischen Problem. Er wiederholte seine bekannten Sätze, die jeder kennt, weil täglich mehrheitlich Schwarze erschossen werden (2015 summierte sich die Zahl der Erschossenen auf 1.146, im bekannten Schnitt von drei täglichen Tötungen). Es wird geredet, aber nicht effektiv gehandelt. Das Morden geht weiter. Die Reaktion des Präsidenten auf die Heckenschützen von Dallas, die fünf weiße Polizisten ermordeten, fiel jedoch viel heftiger aus; man kann sagen, umgekehrt proportional zu den regulären Tötungsziffern: über 500 Polizistenmorde im ersten Halbjahr versus fünf Morde an Polizisten: das verlangt Grundsatzerklärungen über Recht und Ordnung und über Nationalwerte. Das über Hundertfache am gemeinem Volk, mehrheitlich Minderheitsvertreter, liegt dagegen im Rahmen, ist bedauerlich, aber «normal».

Die meisten Amerikaner sind durch ihre Medien kaum oder unzulänglich informiert. Es fehlt an seriösen Untersuchungen und glaubhaftem Hintergrundmaterial. Einige Politiker regen sich auf, dass ausgerechnet eine ausländische Datenbank und Internetquelle besser bzw. aussagereicher sei als das vom FBI lancierte Material. Die englische Zeitung The Guardian hat nämlich seit 2015 die Seite «THE COUNTED – People killed by police in the US» eingerichtet und dokumentiert jeden Tötungsvorfall. Man findet auch Statistiken über die Verhältnisse von Bevölkerungsanteilen von Minderheiten und ihren Anteilen der Gejagten und Getöteten, der Gefängnisinsassen usw. Wer will, kann sich informieren, schwarz auf weiß.

weiterführende Links:

The Counted - People killed by police in the US

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