Das große Werweissen

04.07.2016 Kurt Bracharz

«Werweissen» ist ein schweizerdeutsches Wort (deshalb auch die Schreibung mit ss), das «hin und her rätseln» bedeutet, aber klarer ausdrückt, dass keiner der Beteiligten Bescheid weiß. Ein mediales Werweissen außergewöhnlichen Umfangs gibt es derzeit zum Brexit, in dem nun wirklich ein jeder seinen Senf dazu gibt, die wenigsten aber mit konkreten Fakten argumentieren.


Eine löbliche Ausnahme ist da der Journalist (?) Sebastian C. Strenger, der in der deutschen Zeitschrift «Kunst und Auktionen» vom 1. Juli vorrechnet, was der Brexit für den Käufer von Picassos Bild «Sitzende Frau» bedeutete. Das Gemälde wurde am 21. Juni bei Sotheby’s London für 43 Millionen Pfund verkauft. Drei Tage später war Brexit, und in der Folge fiel das Pfund um mehr als 10 Prozent. Der Einbringer des Picasso-Bildes hat damit laut Strenger den Gegenwert einer Finca auf Mallorca, einer 15-m-Yacht an der französischen Riviera oder eines frühen Van Gogh verloren. Strenger: «Für den neuen Besitzer des Bildes freilich bleibt zu hoffen, dass er nicht umgehend bezahlt hat. Dann hätte er nun noch überraschend Geld für ein Domizil im mallorquinischen Port d’Antratx übrig.»

Anderswo werden Standpunkte und Gegenstandpunkte ohne Begründungen stark formuliert. Der Ex-Chefredakteur der «Presse», Andreas Unterberger, schreibt im Gratisblatt «thema vorarlberg»: «Natürlich geht es den Briten künftig durch den Austritt schlechter, als wenn sie drinnen geblieben wären. Das Gleiche gilt für die Rest-EU.» Roger Köppel schreibt in der schweizerischen «Weltwoche» vom 30.6.: «Der Brexit ist das erfreulichste Ereignis seit Annahme der Masseneinwanderungsinitiative, nur bedeutender. Der EU-Austritt der Briten bringt vieles ins Rutschen. Es ist ein heilsamer Knall. Der Brexit stärkt die Schweiz. Und Europa.» Das Blatt bejubelte Boris Johnson und setzte ihn in einer Karikatur als Wilhelm Tell auf den Titel. Das war kurz bevor Johnson erklärte, doch nicht als Premier zu kandidieren.

Apropos Johnson. Kennen Sie die TV-Comedy-Serie «Little Britain»? Mir ist es immer so vorgekommen, als ob Matt Lucas (der kleinere der beiden Komiker, welche die Sketches spielen) eigentlich der Politiker Boris Johnson sei – oder vielleicht spielte der Comedian Matt Lucas in der Realität den Londoner Bürgermeister Boris Johnson? Die Ähnlichkeit ist so frappant, dass nur noch eineiige Zwillinge als Lösung des Rätsels in Frage kommen. Und wenn man noch einmal den Limerick nachliest, den der angebliche Boris Johnson im Interview durch die «Weltwoche» spontan (!) gedichtet haben soll, können solche Reime doch nur von Matt Lucas kommen:

There was a young fellow from Ankara,
Who was a colossal wankera
Till he sowed his wild oats
With the help of a goat
But he didn’t even stop to thankera.

Allerdings hat Erdogan darauf, ganz im Gegensatz zu seinem Verhalten bei Böhmermann, nicht reagiert. Aber vielleicht lässt der Sultan ja nicht lesen, sondern nur fernsehen.


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