High-Rise

12.07.2016 Walter Gasperi

Je nach sozialer Schicht bewohnen die Menschen vom Erdgeschoss bis zum Penthouse ein modernes Hochhaus. Doch zunehmend regt sich Widerstand der Unterprivilegierten. - Ben Wheatley gelang mit seiner Verfilmung von J. G. Ballards 1975 erschienenem Roman eine visuell brillante Dystopie über beste Absichten, die sich ins Gegenteil verkehren.


Immer wieder erfasst die Kamera von Laurie Rose das futuristische Hochhaus, das der beinahe einzige Schauplatz von Ben Wheatleys fünftem Spielfilm ist, vor einem gelb leuchtenden Sonnenuntergang, feiert förmlich seine Schönheit und Funktionalität, vermittelt mit den massiven Betonwänden aber auch Kälte.

Dass der Traum des Architekten von einer Veränderung der Gesellschaft durch diesen Bau sich aber nicht erfüllt hat, macht schon die Eröffnungsszene klar, denn längst ins Chaos gestürzt ist die Hochhausgemeinschaft. Müll stapelt sich in der Wohnung von Dr. Laing (Tom Hiddleston), der hier vor wenigen Monaten eingezogen ist. Auf seiner Terrasse grillt er einen Hund, den er kurz zuvor getötet hat. – Wie es zu diesem Verfall kommen konnte, schildert Wheatley in einer beinahe den ganzen Film umspannenden Rückblende.

Alles war bestens geordnet als der Physiologe vor drei Monaten hier einzog. Penibel geparkt standen die Autos vor dem Gebäude, die Regeln im Swimmingpool wurden beachtet, im Fitnesscenter konnte man trainieren, im Supermarkt einkaufen.

Sorgfältig getrennt waren freilich von Anfang an die sozialen Schichten. Während die vielfach kinderreiche Mittelschicht in den unteren Stockwerken lebt, wohnt die großteils kinderlose Oberschicht in den oberen Stockwerken. Im Penthouse, zu dem ein Park im Stil der Anlagen eines barocken Schlosses gehört, thront schließlich förmlich der Architekt des Gebäudes mit dem bezeichnenden Namen Royal (Jeremy Irons). – Und in der Mitte zwischen den Extremen bezog Laing seine Wohnung.

Anonymität suchte er, doch bald stören ihn die Nachbarn. Nicht nur die zwei Stockwerke über ihm wohnende Charlotte (Sienna Miller) beginnt sich für ihn zu interessieren, auch der Architekt, der scheinbar über jeden Bewohner alles weiß, sucht seinen Kontakt. So beginnt Laing zwischen den sozialen Schichten zu pendeln.

Denn einerseits wird er von Royal in seine Wohnung und zum Squash eingeladen, andererseits zeigt ihm bei einer Party im Penthouse die Upper-Class ihrer Verachtung. Gleichzeitig pflegt Laing aber auch Kontakt zur Mittelschicht wie dem Dokumentarfilmer Wilder.

Doch der soziale Friede beginnt rasch zu zerbröckeln. Macht sich zuerst Unmut der Bewohner der unteren Stockwerke über technische Probleme wie Strom- und Wasserausfälle oder die defekte Müllentsorgung breit, so regt sich bald Protest gegen die durch die Oberschicht auferlegten Beschränkungen: Die Väter stürmen mit ihren Kindern den Swimmingpool und wenig später wird der Supermarkt geplündert, bis schließlich die Menge ins Penthouse vordringt.

Nachdem Bong Joon-ho im fulminanten «Snowpiercer» die Gesellschaftspyramide in die Waggons eines Zugs verlegte, überträgt sie Wheatley treffend auf das hochragende Gebäude. Der Brite hat J. G. Ballards Roman dabei nicht aktualisiert, sondern evoziert mit Kleidung, Frisuren und Autos, aber auch mit Songs wie Abbas «SOS» die Stimmung der 1970er Jahre. Dennoch ist «High-Rise» mit dem Thema der gescheiterten Utopie und dem Aufstand der sozial Schwächeren auf der Höhe der Zeit oder auch zeitlos.

Auch wenn Wheatley Laing zur zentralen Figur macht, bleibt der Zuschauer allein schon durch den den Film einleitenden Off-Erzähler, der von außen auf Laing blickt, auf Distanz: So funktional und kühl das Hochhaus ist, so kühl, aber gleichzeitig auch visuell und akustisch aufregend ist die Inszenierung.
Da kontrastiert Wheatley in großen und großartigen Montagesequenzen das Leben in den unterschiedlichen sozialen Milieus, vermittelt mit Zeitlupe die der Realität enthobenen Träume Laings von mehreren rot gekleideten Stewardessen, oder lässt die High-Society ein Fest in barocken Kostümen feiern.

Der Hedonismus der Oberschicht und deren Extravaganzen wie ein Pferd im Garten des Penthouses wird ebenso karikiert wie die Arroganz einer Schauspielerin, doch auch die Mittelschicht ist hier kein Sympathieträger, wird sie doch ganz von Trieben gesteuert und neigt zu brutaler Gewalt, die die Menge ohne einzugreifen emotionslos geschehen lässt. Nur Laing versucht hier zunächst einzuschreiten, verwildert dann aber selbst auch immer mehr.

Nicht nur im Look, sondern auch im anarchischen Gestus ist «High-Rise» damit ein Film im Stil der 1970er Jahre, im speziellen von Claude Faraldos «Themroc». Und doch ist diese mit dem potentiellen zukünftigen Bond-Darsteller Tom Hiddleston, Jeremy Irons und Sienna Miller hochklassig besetzte Dystopie angesichts heutiger sozialer Spannungen durchaus aktuell. – Auf die explizite und platte Kapitalismuskritik im Finale hätte Wheatley bei seiner formal eigenwilligen und inhaltlich vielschichtigen und zu Diskussionen anregenden pechschwarzen Satire freilich verzichten können.

Läuft derzeit im Kino Scala in St. Gallen und wird vom 21.7. bis 27.7. vom TaSKino Feldkirch im Kino Rio gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu «High-Rise»

weiterführende Links:

High-Rise

weiterführende Links:

High-Rise

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.