Mikro & Sprit

28.06.2016 Walter Gasperi

Zwei 14-jährige Außenseiter starten in den Sommerferien mit selbst gebasteltem Wohnmobil zu einer Reise durch Frankreich. – Verspielt, einfallsreich und phantasievoll erzählt Michel Gondry, unterstützt von zwei blendend harmonierenden Hauptdarstellern, vom Ende der Kindheit.


Der 14-jährige Daniel (Ange Dargent) ist in seiner Klasse ein Außenseiter. Wegen seiner geringen Statur nennen ihn alle nur Mikro. Zuhause zeichnet er Comics, scheint keine Freunde zu haben. Allein sitzt er in einer Bank und oft hält man ihn wegen seiner langen blonden Haare für ein Mädchen. Doch dann kommt Theo (Théophile Baquet) als neuer Schüler dazu und wird neben Mikro gesetzt.

Das Gegenteil zu dem von der depressiven Mutter allzu behüteten, schüchternen Jungen ist dieser mit seiner kunstledernen braunen Bikerjacke, seiner Größe und seinen schwarzen Haaren ziemlich maskulin auftretende Neue. Nicht weniger als Mikro macht er sich aber mit seinem mit selbst gebastelter Soundmaschine ausgestatteten Fahrrad zum Außenseiter, gleichzeitig führt diese Randstellung wieder rasch zur Freundschaft mit Mikro.

Der unsichere, an Minderwertigkeitskomplexen leidende Mikro ist nämlich ziemlich beeindruckt von Theo, den alle aufgrund seines Geruchs nach Benzin und seiner von Schmiere und Öl dreckigen Finger Sprit nennen. Im Gegensatz zu den anderen nimmt Theo Daniel Ernst, spricht ihm Mut zu, fordert ihn auf, an sich zu glauben und auch gegenüber der angehimmelten Laura aktiv zu werden.

Als die beiden Jungs für Theos Vater Alteisen verkaufen sollen, tauschen sie dieses gegen einen Rasenmähermotor ein und bald ist der Gedanke geboren daraus ein Auto zu basteln. Weil sie dafür aber keine Zulassung bekommen, tarnen sie es mit Brettern als Gartenhäuschen und haben so gleichzeitig Fahrzeug und Behausung.

So kann es mit Beginn der Sommerferien und freilich ohne Wissen der Eltern mit 20 km/h auf Nebenstraßen auf Tour durch Frankreich gehen, wobei die Jungs nicht nur zahlreiche Abenteuer erleben, sondern Mikros Liebe zu Laura schließlich die Richtung diktiert.

Das erinnert von der Handlung sehr an Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman «Tschick», ist aber in seiner Verspieltheit, seiner Lust an skurrilen Einfällen und vor allem im Lobgesang auf Tüftlertum und Absage an moderne Technik zu allererst ein typischer Michel-Gondry-Film. Denn hier wird nicht nur wieder einmal eine gute alte Landkarte zur Orientierung herangezogen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auch aufs i-phone geschissen.

Wie der Franzose in «Be Kind, Rewind» der Videokassette seine Liebe erklärte und schon in «The Science of Sleep» dem Bastlertum frönte, so feiert er auch in dieser, von seiner eigenen Kindheit in Versailles inspirierten Coming-of-Age-Komödie Eigeninitiative, Nonkonformismus und verspieltes Basteln statt Kauf von Fertigprodukten.

Viel Persönliches ist dabei eingeflossen, denn einerseits wurde «Mikro & Sprit» unter anderem im Haus von Gondrys Großeltern gedreht, andererseits beruhen nach Gondrys Aussage die Reise und die Erlebnisse der Jungs auf einer Kindheitsfantasie und seinen damaligen Träumen.

Dass der Film aufgrund der Abfolge von Reiseerlebnissen zum Episodischen tendiert, lässt sich kaum vermeiden, doch Einiges hat sich hier Gondry einfallen lassen. Lustvoll zeigt er sein Erzähltalent, wenn eine Geistergeschichte in vermeintlich realen Horror übergeht, der sich dann aber doch in Wohlgefallen auflöst, düpiert Erwartungen, wenn Polizisten nicht das seltsame Gefährt unter die Lupe nehmen, sondern nur davor ein Selfie machen.

Mehrfach deuten Ereignisse auch das Ende der Kindheit an, nicht nur wenn Mikro sich seine lange blonde Mähne schneiden lassen will, sondern mehr noch, wenn das wunderbar eigenwillige Gefährt endgültig zu Bruch geht. Bruchlos fügt sich hier auch Gesellschaftskritik ein, wenn neben ihrem geparkten Vehikel ein Roma-Lager in Brand gesteckt wird. - So herrlich skurril da vieles ist, so ist «Mikro & Sprit» doch immer in der Realität geerdet.

Mit großem Einfühungsvermögen und ganz auf Augenhöhe mit den mit Ange Dargent und Théophile Baquet hervorragend besetzten Protagonisten erzählt Gondry. Wunderbar harmoniert dieses Duo, spielt sich die Bälle so richtig leichthändig zu, überzeugt bei altklugen Diskussionen und Sätzen wie «Die Schläger von heute sind die Opfer von morgen!» oder «Die Freundschaft ist der Tod der Liebe» ebenso wie bei ihren haarsträubenden Fluchten aus brenzligen Situationen oder dem Blick auf die erste Liebe.

Bittere Melancholie durchzieht schließlich das Ende, wenn Mikro sich zwar gewandelt hat, aber auch akzeptieren muss, dass «Alte Freunde gehen, neue kommen», und Gondry einen Perspektivenwechsel vornimmt, bei dem nun das einst geliebte Mädchen sehnsüchtig darauf wartet, dass sein Blick erwidert wird.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn

Trailer zu «Mikro & Sprit»

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