Der Austritt

26.06.2016 Haimo L. Handl

Nun fand die Bereinigung statt. Fast alle Experten in Britannien, der Union und den USA mussten erkennen, dass sie falsch einschätzten bzw. ein verkümmertes Vorstellungsvermögen aufwanden, um das «Undenkbare» zu erahnen oder geistig durchzuspielen. Auch die Banker, Finanzspekulanten und Buchmacher lagen falsch, auf die einige, als vermeintlich letzte Bastion kalkulierender Rationalität, noch setzten und dem Wunschdenken nachgaben.


Was besonders überrascht, ist die totale Fehleinschätzung der Mehrheit der sogenannten Experten und Politprofis. Es sollte zu denken geben, wie bereitwillig man solchen Leuten folgt. Es war einerseits ein ungeheueres Bemühen, nach Art der obsoleten Völkerpsychologie verbunden mit einer oberflächlichen Geschichtsdeutung, zu behaupten, die Briten könnten gar nicht anders als in der Union zu verbleiben. Es war ein falscher Fokus auf die Ökonomie, auf die Kostenfrage. Die Realität wurde ausgeblendet; in der ZEIT las ich im «Freitext» von einer jungen Schriftstellerin: «Brits don’t quit». Nun, vielleicht hat die Träumerin etwas gelernt.

Die britische, eigentlich englisch-walisische Entscheidung des Austritts bereinigt das Feld, verunmöglicht das Perpetuieren gewisser Lügen und schafft Voraussetzungen für einen möglichen Lernprozess der nationalistischen, chauvinistischen Nation, die nach der Hasardaktion des Nochpremiers Cameron, der aus purem egoistischen Machtkalkül das Referendum als politisches Druckmittel einsetzte, tief gespalten ist. Die zweite Bereinigung betrifft die Zerstörung einer tiefliegenden Illusion: Britannien, das Mutterland der Demokratie, könne nie faschistoid nationalistisch werden. Das Gegenteil ist bewiesen.

In Britannien erwirkte eine tabuisierte und tabuisierende Debattenunkultur, dass viele tiefliegende Beweggründe unausgesprochen blieben und weiter bleiben, weil diese als unannehmbar rassistisch, inhuman, faschistisch etc. gelten. Es gibt kaum mehr ein ernsthaftes Argumentieren, sondern ein wüstes Hacken und Brandmarken, gespeist von einer Angst, die aber nie wirklich analysiert wird. Die wenigen Analysen, die es gab, zeigten eine hohe Bereitschaft für Irrationalität, wie wir sie in der Geschichte seit dem 1. Weltkrieg kennen, gerade der Absteiger, Versager, Unterschichtler, und das sind nicht wenige, denen die anderen aber nichts entgegenzusetzen vermochten. Es war und ist wie beim Phänomen des Antisemitismus, der sich nirgends zur rationale Argumente entkräften lässt, der deshalb eine klare, starke politische Antwort der Zurückweisung, der Ahndung erfordert. Doch so eine klare Politik wird durch ein verlogenes Gutmenschengetue und einer damit einhergehenden Scheu vor Verantwortung unterlassen bzw. verhindert. Deshalb haben die faschistoiden Parteien und Gefolgsleute so leichtes Spiel in Europa.

Großbritannien, das bald vielleicht ein Kleinbritannien sein wird, abgehalftert und nationalchauvinistisch bunkernd, seine insgeheimen faschistoiden Arier-Ideale pflegend, hatte in der EU einen bequemen Sündenbock gefunden, um Missstände, Fehlentwicklungen abzuwälzen. Der Fokus gegen die EU half zu vernebeln und zu verdecken, was die britische Klassengesellschaft ihren Klassen zugemutet hat und weiter zumutet. Dieser Fokus wurde und wird unterstützt durch eine krankhafte, irrationale Wertschätzung der Monarchie und ihrer Vertreter, die den Massen «ein Gefühl» von Bedeutung und Würde verleiht, das allerdings nie einem Praxistest unterzogen wurde; es reichen die Symbole. Weil man aber mit Symbolen oder Blindglauben die realen Probleme nicht lösen kann, muss Ersatz her. Das Irrationale, Kern aller faschistischen oder faschistoiden Bewegungen (und, wie man nicht vergessen darf, aller Religionen!) operiert höchst erfolgreich mit der Installation von Sündenböcken, von Ersatzobjekten, die gehasst, verleumdet, geschändet und verfolgt werden. Dass auch das Land der Freiheit, die USA, davor nicht gefeit ist, belegt einmal mehr der gegenwärtige Wahlkampf dort; dass diese Instrumente nicht nur in ausgewiesenen Diktaturen praktiziert werden, beweisen Großbritannien, aber auch die Niederlande oder Frankreich, Spanien und Italien, von den Oststaaten Tschechien, Slowakei und Ungarn ganz zu schweigen.

Welche Antworten werden die Chauvinisten oder Rechtsextremen finden, wenn sie als «befreite Nationen», losgelöst von der verhassten EU, ihre Probleme nicht in den Griff bekommen, wenn der gepflegte Nationalstolz keine Realien positiver Art produziert, wenn Misswirtschaft das Bild bestimmen wird? Immerhin haben wir historische Beispiele und Belege für die hohe Wahrscheinlichkeit solcher Realitäten aufgrund bornierter, irrationaler, chauvinistischer Ersatzpolitik. Die Gartenzwergeoptik kann nicht die Komplexitäten in der weiten Welt adäquat wahrnehmen; ihr beschränktes Gesichts- und Denkfeld sind untauglich für eine offene Gesellschaft. Geschlossene Gesellschaften verweigern sich aber Entwicklungen. Sie müssen immer neue Sündenböcke erfinden und finden, sie müssen immer kämpfen und wüten.

Im Europa der EU, von vielen Journalisten in Verkennung der Tatsachen nach dem Brexit dumm «Resteuropa» genannt, gärt es. Die Unentschlossenheit, klar gegen die Rechtsextremen und Faschistoiden vorzugehen, begünstigt eine neue Kriegs- und Terrororientierung ungeahnten Ausmaßes, das zeigen die Äußerungen der prominenten Rechtsextremen in den Niederlanden, in Frankreich, aber auch in Österreich. Die sogenannten Visegrád-Staaten haben schon seit längerem praktische Schritte zur Demontage rechtsstaatlicher Grundsätze unternommen und setzen auf eine extreme Nationalisierung. Dass sie noch in der Union sind, bedeutet einen Skandal. Die EU müsste Solidarität bei sonstigem Ausschluss oder zumindest hohen Strafen einfordern, anstatt zu kuschen und gewähren lassen. Aber dazu scheint die Union zu schwach, zu zerstritten. Es besteht auch die Gefahr, dass den Briten zu sehr entgegengekommen wird, dass man ihnen zu sehr nachgibt, was die lächerliche Rolle der Schwachen nur untermauern wird.

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