The Neon Demon

05.07.2016 Walter Gasperi

Der Däne Nicolas Winding Refn erweist sich nach »Drive« ein weiteres Mal als großer Stylist mit Gespür für starke Bilder und atmosphärischen Soundteppich. Doch inhaltlich dünn bleibt dieser Blick in die Abgründe der Mode- und Modelbranche, entspricht damit aber freilich auch wieder dem Credo dieser Welt, dass einzig die Schönheit zählt.


Eine Frau liegt in knallblauem Kleid mit blutüberströmten Armen in einer Badewanne. In langsamer Kamerarückwärtsfahrt, die vom Elektrosound von Winding Refns bevorzugtem Komponisten Cliff Martinez begleitet wird, entpuppt sich das bis zum Äußersten gestylte Bild als Inszenierung für ein Fotoshooting: Die Künstlichkeit der Szene entspricht der Künstlichkeit des Films.

Jesse (Elle Fanning) heißt der 16-jährige Teenager, der mit diesen Fotos eine Modelkarriere starten will. Außer dass ihre Eltern verstorben sind, sie aus einer Kleinstadt in Georgia kommt und jetzt in einem ziemlich heruntergekommenen Motel in L.A. wohnt, erfährt man nichts über sie. Dennoch ist das im Vergleich zu den anderen Personen schon wieder sehr viel.

Wie der Fotograf Dean bemüht sich auch die Make-up Artistin Ruby um den aufsteigenden Star der Model-Branche, der freilich mit seinem Erfolg den Neid anderer Models hervorruft. NWR - wie der Regisseur selbst seinen Namen gern auf die Initialen reduziert - erzählt nicht stringent, sondern reiht lose Szenen aneinander: Er lässt Ruby bald mit Jesse eine Party besuchen, zeigt sie bei einer Bewerbung in der Agentur, bei einem Casting, beim Shooting mit einem professionellen Fotografen. – Atmosphärisch aufgeladene Bilder und Szenen sind dem Dänen wichtiger als überzeugende Dramaturgie.

Vernichtend ist der Blick auf die Modebranche, in der ohne Wimpernzucken ein Model gefeuert wird, wenn ein interessantes neues Gesicht auftaucht, doch »The Neon Demon« bleibt dabei bewusst so oberflächlich wie die Branche selbst: Es gibt nur das, was man sieht, nur die pure Oberfläche. Psychologie interessiert Refn nicht.

Als misogyn kann man den Film bezeichnen in der Reduktion der Frauen auf ihre äußere Schönheit und ihren Neid, in dem sie zu allen Mitteln greifen, um ihre Position zu behaupten. Doch man darf nicht übersehen, dass auch die Männer nicht besser wegkommen, der von Keanu Reeves gespielte Geschäftsführer des Motels beispielsweise als fies und gewalttätig gezeichnet wird.

NWR will nicht Sozialkritik üben, sondern nützt vielmehr diese Welt, in der Schönheit alles ist, um selbst zu demonstrieren, welch großartigen Bilder- und Tonrausch er inszenieren kann. Das Credo eines Modebosses, dass äußere Schönheit alles ist und man ja nicht von inneren Werten reden soll, scheint auch das von Refn zu sein: Der Inhalt zählt nichts, die Form ist alles.

Da ist vom Vorspann bis zum Nachspann jedes der aseptisch sauberen Hochglanzbilder farblich perfekt abgestimmt. Stroboskoplicht wird für visuelle Effekte eingesetzt, der Raum eines Fotoshootings wird abstrahiert, indem er gänzlich in Weiß getaucht wird, und eine Tote liegt nach einem Sturz wie penibel hingelegt im Swimmingpool: Ungemein stylisch und chic ist das alles und bewundern kann und muss man diese Bilder, doch in seiner Kälte und in seiner Distanz zu den Figuren kann Refns zehnter Kinofilm kaum wirklich packen.

Ziemlich krud wirkt auch wie aus dem Drama langsam ein Horrorfilm wird, in dem anstelle des Kunstbluts der ersten Szene nun auch reichlich »echtes« Blut fließt und neben lesbischer Liebe auch Nekrophilie und – als ziemlich plumpe Metapher für das blutsaugende Modelbusiness – Vampirismus und Kannibalismus ins Spiel kommen.

In der Deckung der Ästhetik des Films mit dem schönen Schein der Modewelt zielt »The Neon Demon«, den Winding Refn seiner Frau Liv gewidmet hat, sichtlich auf einen Diskurs über wahre Schönheit und Künstlichkeit ab, bleibt dabei aber doch platt. Allzu simpel werden Jesse als der natürlichen – und natürlich schönen - Unschuld vom Lande die erfahrenen Models, die mit ihren Schönheitsoperationen prahlen, gegenübergestellt und gezeigt, wie sich auch Jesse durch die Aufnahme in die Branche wandelt.

Die perfekten hochstilisierten Bilder und der Soundtrack von Martinez mögen da noch so großartig Atmosphäre evozieren, über 117 Minuten tragen können sie diesen Film nicht. Doch mag »The Neon Demon« auch nicht überzeugen, so muss man doch wieder den Mut des vorwiegend in den USA arbeitenden Dänen bewundern, der nicht versucht einen weiteren klassischen Genrefilm im Stil seines sehr erfolgreichen »Drive« zu drehen, sondern sich zwar beim Genrekino bedient, dessen Versatzstücke aber neu zusammenzusetzen versucht.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems und im Kinok in St. Gallen

Trailer zu «The Neon Demon»

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