Putins SA

20.06.2016 Kurt Bracharz

Der Amerikaner Bill Buford war in den 1980er Jahren das, was Ethnologen einen «teilnehmenden Beobachter» nennen – aber nicht bei einem Stamm in Afrika oder Südamerika, sondern bei den Gewaltexzessen englischer Hooligans auf dem Kontinent. Er hat in dem Buch «Among the Thugs» 1990 beschrieben, wie auch ihn, den damals dreißigjährigen intellektuellen Schriftsteller und Verleger, bei den Massenschlägereien der Adrenalinrausch überwältigte, und die deutsche Ausgabe 1992 hieß dementsprechend «Geil auf Gewalt – Unter Hooligans». Obwohl viele englische Hooligans sich zur rechtsextremen «National Front» bekannten, sind sie kein wirklich politisches Phänomen. Sie wollen sich prügeln und brauchen dazu keinen Vorwand. So haben sich auch schon deutsche und polnische Hooligans vor einem Spiel in einem Wald zu einer «Schlacht Mann gegen Mann» verabredet.


Von den russischen Hooligans gewinnt man einen anderen Eindruck. Während die Engländer sich zur Vorbereitung der Gewaltexzesse hauptsächlich die Hucke vollsaufen, trainieren die russischen Neonazis in Form von paramilitärischen Übungen. Der Anführer des Allrussischen Fanverbands Alexander Schprygin ist nach den Attacken der Russen auf die Engländer von der französischen Polizei zusammen mit 42 anderen Schlägern arretiert worden, woraufhin das russische Außenministerium den französischen Botschafter in Moskau einbestellte, um gegen diese «Diskriminierung» russischer Fans zu protestieren. Schprygin ist ein Mitarbeiter des Vizepräsidenten der Duma Igor Lebedew, der erklärte, kämpfende Fans hätten die Ehre Russlands verteidigt, und deshalb: «Weiter so!» (Wahrscheinlich haben deshalb noch sechs aus Brüssel gekommene russische Hooligans in Köln vor dem Heimflug zwei Spanier zusammengeschlagen.)

Der Außenminister Sergej Lawrow erklärte, die Fans anderer Länder hätten die Russen mit Beleidigungen der russischen Fahne, russischer Führer und russischer Sportler provoziert, und ein Maxim Kononenko schrieb auf der Webseite der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti: «Mir gefällt das. Mir gefällt, dass man Russen fürchtet.» Er empfinde tiefe Genugtuung darüber, dass sein Volk «im Krieg gewinnt. Und sei es in einem so kleinen und auf den ersten Blick kriminellen Krieg, wie dem Krieg von Fußballfans». Der Leiter des Ermittlungskomitees Wladimir Markin twitterte über die französische Polizei: «Ein normaler Mann, so wie er sein soll, erstaunt sie. Sie sind schon daran gewöhnt, »Männer« auf Schwulenparaden zu sehen …» Putin wunderte sich scheinheilig, «wie unsere 200 Fans einige tausend Engländer verprügeln konnten».

Bill Buford berichtete übrigens auch, wie die Italiener 1990 auf Sardinien das Hooligan-Problem zumindest für einige Zeit lösten: Berittene Polizei kesselte die englischen Hooligans ein und schlug sie in solider Handarbeit krankenhausreif. Buford selbst wurde, wimmernd auf dem Boden liegend, sieben Minuten lang mit dem Schlagstock malträtiert. Das war nun nicht gerade rechtsstaatlich und auch weder gast- noch fremdenfreundlich, aber es war ausgesprochen wirksam, und die Hooligans, die ja schließlich geil auf Gewalt ins Land gekommen waren, verstanden damals, was ihnen die Italiener damit sagen wollten.


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