Blutopfer

19.06.2016 Haimo L. Handl

Nach dem tödlichen Attentat auf die englische Labour Abgeordnete Jo Cox zeigt sich Großbritannien geschockt. Man mutmaßt über das Motiv des Täters, der psychische Probleme gehabt haben soll, wie in einigen Medien sofort zu lesen war, als ob das die Tat mindere (eine Voreinstimmung in spätere Erklärungen?). Man habe zwar Nazidevotionalien in seiner Wohnung gefunden, und er habe «Britain first» geschrien, aber all das klingt harmloser als eine Nähe zum IS.


Wenige fragen nach dem aufgeheizten Klima, das besonders das Brexitlager hysterisch gebildet hat. Im Land des Common Sense und der Demokratie, wie einige Medien immer noch verwegen England etikettieren, hat die Vernunft einen schwachen Boden, triumphiert die Irrationalität eines dumpfen Chauvinismus‘ und nationaler Borniertheit. Jetzt könnte der Mord eine Wende herbeiführen und die Brexitgegner beim Referendum stärken. Zum Kalkül gesellt sich eine quere Moral.

Dabei wäre es für das Europa der Union heilsam und lehrreich, wenn England, das immer nur aus wirtschaftlichen Gründen Mitglied war, nie aus politischen, sprich europäischen, endlich sich seiner Kleinheit und Eigenheit besänne und auf sich zurückzöge. Zwar hätten viele Unionsländer einen hohen Preis zu zahlen, allein für die Absorption der rückkehrenden Arbeitskräfte von der Insel, aber die Kosten für die Briten wären ungleich höher.

Weiters würde die Chance auf ein erneutes Referendum in Schottland vielleicht zu dessen Selbständigkeit führen, was England gebührend schwächte. Zu lange hat England wie ein Zuhälter von seinen Huren in den weltweiten Ställen gelebt, hat als Kolonialmacht ausgebeutet und später nie einen Preis dafür bezahlt. Im Gegenteil. Weil die früheren Abhängigen nicht mehr so einfach zu melken waren, musste Europa mit Sonderkonditionen aushelfen, nur um die Briten bei der Stange zu halten. Wofür und weshalb? Für das große Geschäft einiger Weniger. Dieses Land verdient seine Quarantäne!

In der Union könnte das zu einer Stärkung führen. Den Östlern, die wie Britannien nur die Rosinen aus dem Kuchen wollen, könnte sofort klar bedeutet werden: entweder volle Mitgliedschaft in Solidarität oder Ausschluss. Dann wäre der Traum der Exkommunisten, ebenso dumpf-dumm wie der der Neofaschisten und Rechtsextremen, innerhalb enger Grenzen, ohne offenen Binnenmarkt, rasch ausgeträumt. Die Wiedereintrittskosten müssten entsprechend höher ausfallen, gesetzt den Fall, dass nach einigen Jahren nationalen Dahinwurstelns sich Vernunft wieder einstellte.

Es ist zu befürchten, dass die Briten nun doch nicht aussteigen, dass die Union die Chance auf Sebstbesinnung und -kritik nicht ergreift, dass der «Junckergeist» samt Brüsselbürokratie munter weitermacht.

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