Demolition - Lieben und Leben

21.06.2016 Walter Gasperi

Nach dem Tod seiner Frau wird sich ein Investmentbanker der inneren Leere und Kälte seines bisherigen Lebens bewusst und beginnt es zu demontieren. Der Franko-Kanadier Jean-Marc Vallée nimmt die Metapher wörtlich und lässt Jake Gyllenhaal zum Vorschlaghammer greifen. Zweifellos kunstvoll ist das inszeniert und von Gyllenhaal großartig gespielt, doch auch sehr kühl und reichlich redundant in der Botschaft.


Mit seiner Frau ist Davis Mitchell (Jake Gyllenhaal) im Auto unterwegs in New York. Dass sie keine echte Beziehung mehr zueinander haben, merkt man nicht nur an ihrem Gespräch, sondern mehr noch an der Art, wie der Schnitt sie konsequent trennt, sie nie gemeinsam im Bild zeigt. Abrupt endet die Szene mit einem entsetzten Gesicht von Davis - die Kollision mit einem anderen Wagen wird ausgespart.

Praktisch unverletzt findet sich der Investmentbanker im Krankenhaus wieder, während seine Frau den Unfall nicht überlebt hat. Davis kann aber nicht trauern, sondern scheint bruchlos zum Alltag überzugehen. In Beschwerdebriefen an eine Firma wegen eines defekten Süßigkeitenautomaten beginnt er aber seine Ehe aufzuarbeiten und bewegt damit auch die Bearbeiterin solcher Briefe.

Kunstvoll streut Vallée, der nach «Dallas Buyers Club» und «Wild – Der große Trip» mit «Demolition» seinen dritten US-amerikanischen Film vorlegt, Erinnerungsfetzen an die Ehe ein, setzt aus Puzzleteilen ein Bild vom Leben dieses Investmentbankers zusammen. So glatt und sauber wie das moderne Designerhaus, in dem er wohnt, scheint seine Ehe auf den ersten Blick gewesen zu sein, doch zunehmend wird ihm auch selbst klar, dass dies nur Fassade und sein bisheriges Leben eine Lüge war.

Immer mehr hält er sich an den Spruch seines Schwiegervaters (Chris Cooper), der ihm erklärt, dass man Dinge, um sie zu reparieren, erst völlig auseinandernehmen und dann wieder zusammensetzen muss. Mit einer Kaffeemaschine und dem Kühlschrank beginnt Davis, bald wird er in seinem Büro eine Toilettentür und den Computer auseinandernehmen und schließlich dafür bezahlen, um mit einem Bautrupp beim Niederreißen eines Hauses Hand anlegen zu dürfen.

Mit dieser körperlichen Aktivität lernt er aber auch immer mehr zu empfinden, genießt sogar Schmerz und legt seine Gefühlskälte langsam ab. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Bearbeiterin seiner Beschwerdebriefe. Gerührt von Davis´ Schilderungen nimmt die alleinerziehende Mutter (Naomi Watts) Kontakt auf und langsam kommen sie sich näher. Mehr als ihr hilft Davis dabei aber ihrem pubertierenden Sohn Chris, der auch Probleme mit der Identitätsfindung hat, und schließlich wird auch die Fassade der verstorbenen Frau Risse bekommen.

Ist einmal die Grundidee vom Niederreißen des alten Lebens präsentiert, wird diese kaum mehr vertieft, sondern nur noch stets aufs Neue und auf immer spektakulärere Weise weiter getrieben. Ziemlich platt wird «Demolition» damit, ist in seiner Überzogenheit auch weder als Drama wirklich ernst zu nehmen, noch als Komödie wirklich überzeugend.

Zu kühl bleibt der Film, zu wenig Interesse weckt er für die Figuren. Zwar entwickelt sich nicht die Liebesgeschichte, die man erwarten könnte, dennoch kann Vallée bei dieser Geschichte einer inneren Heilung vor allem im Finale dem Kitsch nicht entgehen.

Dass man der Handlung dennoch mit einigem Vergnügen folgt, liegt vor allem an einem großartigen Jake Gyllenhaal, auf den «Demolition» ganz zugeschnitten ist und der ihn mit seiner Präsenz und seinem lustvollen Spiel trägt. Wie seine Wahrnehmung sensibilisiert wird, er zum Vorschlaghammer greift und höchste Lust im Schmerz empfindet und schließlich zu flottem Sound mit Kopfhörer durch New York tanzt, sind kleine Glanzstücke dieses Films. – Vor allem der Tanz durch New York bleibt haften, weil Vallée hier ganz ohne Worte durch den Kontrast von Davis´ befreitem Agieren inmitten einer wie Maschinen monoton dahinschreitenden Menschenmasse visuell eindrücklich die Erstarrung in Konventionen und den Tod im Leben bewusst macht.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Demolition - Lieben und Leben»

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Demolition © 2016 Twentieth Century Fox

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