Köpek

14.06.2016 Walter Gasperi

Esen Işik verknüpft in ihrem ersten Langspielfilm lose drei in Istanbul spielende Geschichten zu einem eindringlichen Bild einer homophoben, von Männern beherrschten türkischen Gesellschaft, in der viele zuschauen, wenn Schwachen Gewalt angetan wird.


«Köpek» – «Hund» nennt die in der Türkei geborene und seit 1990 in der Schweiz lebende Esen Işik ihren ersten Langspielfilm, den sie nach mehreren preisgekrönten Kurzfilmen und Dokumentarfilmen in Istanbul drehte.

Eine Nebenrolle spielt dieser titelgebende Welpe, den der kleine Cemo, der als Taschentuchverkäufer auf den Straßen der Bosporus-Metropole Geld für die Familie verdient, findet. Cemo möchte ihn aufziehen, doch sein alkoholsüchtiger Vater will ihn nur totschlagen, ein Security-Mann vor einer Privatschule, gibt ihm einen mächtigen Tritt. Einzig Cemos als Klofrau arbeitende Mutter rührt die Einfühlsamkeit ihres Sohnes.

Dieser Welpe, dieses wehr- und hilflose kleine Tier, ist ein prägnantes Bild für die schwachen Menschen, die in diesem Film Gewalt erfahren, für das Ausgeliefertsein an die Macht der Männer und die Intoleranz gegenüber Außenseitern.

Nur lose verknüpft Isik, die ihren Film der italienischen Performancekünstlerin Pippa Bacca gewidmet hat, die 2008 während einer Tour für eine Friedensaktion in Istanbul vergewaltigt und ermordet wurde und die in einer kurzen Szene mit einer Friedensaktivistin in weißem Brautkleid in den Film Eingang gefunden hat, die drei Geschichten um den kleinen Cemo, die verheiratete Hayat und die Transsexuelle Ebru.

Einen Tag lang folgt die Regisseurin ihren drei Protagonisten parallel durch ihr Leben und durch Istanbul. Ganz nah ist der Film immer wieder an den Figuren, aber beiläufig wird die Handlung doch auch in das Ambiente der Metropole Istanbul eingebettet, das wesentlich zur starken Atmosphäre des Films beiträgt, ihn erdet.

Gemeinsam ist den drei Geschichten, dass immer die Außenseiter und Schwachen die Gewalt der Stärkeren zu spüren bekommen, dass die Transsexuelle auf offener Straße schikaniert und niedergeschlagen wird, ohne dass Passanten eingreifen würfen, dass Hayat die Macht und Gewalt ihres Mannes zu spüren bekommt, und Cemo schließlich die Aggression des Security-Mannes zum Gegenschlag bewegt.

Ruhig und in teils quälend langen Einstellungen erzählt Işik diese drei Geschichten, macht somit den Zuschauer auch zum Zeugen der Ereignisse, der eben nicht eingreifen kann, nur sieht, wie hier den Schwachen Gewalt angetan wird und zeigt eben auch, wie in der Gesellschaft vielen die Zivilcourage fehlt statt einzugreifen lieber wegschauen und Gewalt zulassen. Der Bogen spannt sich hier von Polizisten über einen Restaurantbesitzer bis zu Passanten auf den Straßen.

Getragen wird so ein Film der langen Einstellungen dabei immer auch von den Darstellern und Işik hat hier in der Mischung von Profis und Laien einen großartigen Cast zusammengestellt. Neben Oguzhan Sanca in der Rolle des Cemo sticht vor allem Cagla Akalin heraus, die die selbstbewusste Transsexuelle mit großer physischer Präsenz spielt.

Lösungsansätze will – und kann – die Regisseurin keine bieten, sondern beschränkt sich darauf zu zeigen. Speziell die Episode um Cemo, in der auch gesellschaftliche Gegensätze aufgezeigt werden, indem dem auf der Straße arbeitenden Jungen Mädchen in sauberen Schuluniformen, die auf eine teure Privatschule geschickt werden, gegenübergestellt werden, erinnert dabei an den italienischen Neorealismus. Işik findet aber auch starke poetische Bilder, wenn beispielsweise Hayat einem davon fliegenden Plastiksack nachschaut, der ihre Sehnsucht nach Freiheit und Leichtigkeit vermittelt.

Ein melancholischer und bedrückender Film, aber ein – auch aufgrund der genau gezeichneten, starken Figuren – ungemein eindringlicher und nachwirkender Film über die heutige Türkei, oder wohl spezieller über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Istanbul, ist der Debütantin so mit «Köpek», der im Frühjahr mit dem Schweizer Filmpreis als bester Schweizer Spielfilm ausgezeichnet wurde, gelungen.

Wird vom TaSKino Feldkirch vom Donnerstag, 16.6. bis Montag 20.6. im Kino Rio gezeigt (türk. O.m.U.)

Trailer zu «Köpek»

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