Vom romantischen Abenteuerfilm zum Drama: Olivia de Havilland wird 100

27.06.2016 Walter Gasperi

In «Gone With the Wind» spielte sie an der Seite von Clark Gable und Vivien Leigh, in mehreren Abenteuerfilmen war sie Partnerin von Errol Flynn und für ihre Darstellungen in Mitchell Leisens «To Each His Own» («Mutterherz», 1946) und William Wylers «The Heiress» (1949) gewann sie einen Oscar. Am 1. Juli wird Olivia de Havilland, die als eine der letzten noch lebenden Legenden der «Goldenen Ära Hollywoods» gilt, 100.


Geboren wurde Olivia de Havilland als Tochter eines Patentanwalts und einer Theaterschauspielerin am 1. Juli 1916 in Tokio. Schon 1919 verließ die Mutter ihren Mann Augustus de Havilland und übersiedelte mit den beiden Töchtern Olivia und Joan, die unter dem Mädchenname der Mutter Fontaine ebenfalls zu einem mit dem Oscar ausgezeichneten Hollywood-Star wurde, nach Kalifornien.

Die Mutter setzte sich schon früh für eine Schauspielausbildung Olivas und Joans ein und 1935 entdeckte Max Reinhardt Olivia in einer Schulproduktion von Shakespeares «Ein Sommernachtstraum», in der sie die Hermia spielte. Der legendäre Theaterregisseur engagierte de Havilland zunächst als Ersatz für seine eigene Inszenierung des «Sommernachtstraum», machte sie dann aber zur ersten Besetzung der Rolle der Hermia und gab ihr diese Rolle auch in der immer noch hinreißenden Verfilmung des Stücks (William Dieterle/Max Reinhardt, 1935).

Sofort erhielt die aufstrebende Schauspielerin von Warner Bros. einen Sieben-Jahres-Vertrag, der sie aber alles andere als glücklich machte, da damit die Wahl ihrer Rollen vom Studio bestimmt wurde. Immer wieder wurde sie folglich nach dem Erfolg des Piratenfilms «Captain Blood» (Michael Curtiz, 1935), in dem sie an der Seite von Errol Flynn spielte, zusammen mit diesem Star in Abenteuerfilmen, Western und Piratenfilmen wie «The Charge of the Light Brigade» (Michael Curtiz, 1936), «The Adventures of Robin Hood» (Michael Curtiz, 1938), «Dodge City» («Herr des Wilden Westens»; Michael Curtiz, 1939), «The Private Life of Elizabeth and Essex» (Michael Curtiz, 1939) oder «They Died With Their Boots On» (Raoul Walsh, 1941) besetzt.

Ein Ausbruch aus dem Vertrag war kaum möglich und de Havillands diesbezügliche Bemühungen führten zu heftigen Auseinandersetzungen und einer insgesamt sechsmonatigen Suspendierung des Stars. Einzig für die Rolle der Melanie Hamilton im Bürgerkriegsepos und Liebesdrama «Gone With the Wind» gelang es dem Produzenten David O. Selznick ihre Freigabe von Warner zu erreichen.

Für diese Rolle erhielt de Havilland auch ihre erste Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin und zwei Jahre später folgte eine Nominierung als beste Hauptdarstellerin in Mitchell Leisens «Hold Back the Dawn» («Das Goldene Tor», 1941), in dem sie eine naive Lehrerin spielte. Bei ersterer unterlag sie aber Hattie McDonald, die als erste Afro-Amerikanerin für ihre Rolle der Haushälterin in «Gone With the Wind» ausgezeichnet wurde, bei der zweiten Nominierung ihrer Schwester Joan Fontaine, die für ihre Darstellung in Alfred Hitchocks «Suspicion» die begehrte Statuette gewann.

Der Streit mit Warner eskalierte, als das Studio den Vertrag automatisch um die sechs Monate, die sie suspendiert war, verlängern wollte. Auf dem Rechtsweg erkämpfte de Havilland das Verbot dieser Praxis, doch sorgte das Studio dafür, dass der Star drei Jahre lang keine Rollen erhielt.

Danach konnte sie als Schauspielerin ohne festes Studioengagement einen Rollenwechsel vollziehen und sich auf dramatische Rollen konzentrieren. In Robert Siodmaks Film noir «The Dark Mirror» (1946) brillierte sie in der Doppelrolle von Zwillingsschwestern, von denen die eine eine Mörderin ist, und für die Verkörperung einer aufopferungsvollen Mutter in Mitchell Leisens Melodram «To Each His Own» («Mutterherz», 1946) gewann sie ihren ersten Oscar.

Ein weiterer Academy Award folgte für ihre Darstellung in William Wylers «The Heiress» (1949), in dem sie eine reiche Erbin spielte, die sich an ihrem treulosen Liebhaber rächt, während ihr die Rolle der Insassin einer Nervenheilanstalt in Anatole Litvaks «The Snake Pit» («Die Schlangengrube», 1948) eine Oscar-Nominierung und den Darstellerpreis bei den Filmfestspielen von Venedig einbrachte.

In den 1950er wurden de Havillands Filmauftritte spärlicher. Vor allem die Melodramen «My Cousin Rachel» (Henry Koster, 1952) und «Not As a Stranger» (Stanley Kramer, 1955) stechen aus diesem Jahrzehnt heraus, während sie in den 1960er Jahren mit Walter Graumans «Lady in a Cage» (1964) und Robert Aldrichs «Hush…Hush, Sweet Charlotte» («Wiegenlied für eine Leiche», 1964), in dem sie sich ein furioses Duell mit Bette Davis lieferte, in zwei packenden Psychothrillern brillierte.

Ab den 1970er Jahren trat de Havilland, die seit des 1960er Jahren weitgehend zurückgezogen in Paris lebt, nur noch in Neben- und Kleinstrollen, unter anderem in Katastrophenfilmen wie «Airport 77» (Jerry Jameson, 1977) oder «The Swarm» (Irwin Allen, 1978) sowie in Fernsehproduktionen wie der Miniserie «Fackeln im Sturm» (1986) oder dem Fernsehfilm «Anastasia» (1986) auf.

Für ihre Darstellung der russischen Zarenmutter wurde sie dabei 1987 nochmals mit einem Golden Globe und einer Emmy-Nominierung ausgezeichnet, während sie 2006 von der Academy of Motion Picture Arts and Scienes in einer Gala gehrt und in Frankreich 2010 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde.

Trailer zu «The Heiress»

  • Olivia de Havilland (geb. 1. Juli 1916)
  • A Midsummer Night´s Dream (William Dieterle/Max Reinhardt, 1935)
  • Captain Blood (Michael Curtiz, 1935)
  • The Adventures of Robin Hood (Michael Curtiz, 1938)
  • Gone With the Wind (Victor Fleming, 1939)
  • The Dark Mirror (Robert Siodmak, 1946)
  • The Snake Pit (Anatole Litvak, 1948)
  • The Heiress (William Wyler, 1949)

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