Fachchinesische Weisheiten

11.06.2016 Bernhard Sandbichler

Nicht dass man als Westler Minderwertigkeitskomplexe haben müsste, aber man kann - abgesehen von Kung fu und Feng shui, Tee und Porzellan, Schießpulver und Papier - auch von den philosophischen Weisheiten aus China lernen.


  • Achse 1: Diagnose
    Abstrakte, universelle Verhaltenskodices sind, was sie sind: eindeutig, rational, definiert und daher gefährlich.
     
  • Achse 2: Prognose
    Denn die Welt ist unberechenbar: Harte Arbeit führt nicht notwendigerweise zu Wohlstand und schlechte Taten werden nicht unbedingt bestraft. Die konkrete Situation ist uneindeutig, irrational, chaotisch. Erst wer von dieser Erkenntnis ausgeht, entscheidet und handelt gütig. Die beste aller Welten führt lediglich zu egoistischen Profitsuchern. «Die Güte der menschlichen Natur aber ist wie Wasser, das abwärts fließt. Genauso, wie es kein Wasser gibt, das nicht abwärts fließt, gibt es keinen Menschen, der nicht gütig ist.» (Mengzi)
     
  • Achse 3: Entwicklung
    Konfuzius, Mengzi, Laotse, Zhuangzi, Xunzi - so unterschiedlich diese Denker waren, so übereinstimmend waren sie im Bezug auf das Dao («Weg») - sich und die Welt, in der man lebt, verändern: das ist das Wichtigste (und das Schwierigste).
     
  • Achse 4: Intelligenz
    Die Welt ist verwickelter, als es der westliche Glaube an das Licht einer eindimensionalen Vernunft wahrhaben will. Und westliche Selbstherrlichkeit, die nicht daran zweifelt, die Erde dank routinemäßiger Rationalität im Griff zu haben, verkennt eine ihrer Achillesfersen - die eigene Listenblindheit.
     
  • Achse 5+6: Körper und Psyche
    Eine List lautet: «Für die Rückkehr der Seele einen Leichnam ausleihen» (List 14: Fassadenerneuerungs-Strategem), ein anderes: «Einem Leib die Seele stehlen, den Körper aber intakt lassen» (List 25: Auskernungs-Strategem). Insgesamt findet man bei Senger 36 Strategeme, aber es gibt noch mehr.
     
  • Achse 7: Alltag
    Wie regiert man ein Land am besten? Wie erschaffe ich eine gerechte Welt? Das sind uralte Fragen, die doch immer wieder neu beantwortet werden müssen. «Ich liebe dich» zu sagen ist ein Als-ob-Ritual, das zwei Menschen täglich und über eine lange Zeit nachhaltig miteinander verbindet. Es geht also nicht nur um die (richtigen?) Antworten, sondern auch um erlernbare Rituale. Und wenn man eingefahrene Verhaltensmuster ablegt? Wird man selber ein besserer Mensch - und die anderen auch.
     

Harro von Senger: Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden. München: C. H. Beck Verlag 2016 (6. Aufl.), 190 Seiten, EUR 10,30

Michael Puett, Christine Gross-Loh: Das Wichtigste von allem. Die Geheimnisse der großen chinesischen Denker und wie sie unser Leben bereichern . Aus dem Amerikanischen von Isabel Gräfin Bülow. Frankfurt/M.: Fischer (Krüger) Verlag 2016, 223 Seiten, EUR 17,50

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