Nicht fünftes Rad am Wagen!

08.06.2016 Rosemarie Schmitt

Tja, jene Menschen, die im August des Jahres 1960 das Neonlicht eines Kreissaales erblickten, die haben schon was! Außer mir, wäre das zum Beispiel Branfort Marsalis. Er gehört zu den großartigsten Saxofonisten! Und nicht nur das! Er ist darüber hinaus auch ein exzellenter Musiker! Sie sind der Meinung, dass sei ja wohl klar?


In einem Interview des Magazins für Klassik & Jazz sagte Marsalis:
«Es gibt großartige Saxofonisten, aber wenig gute Musiker. Wir haben immer mehr Leute, die großartige Instrumentalisten sind. Die wirklich guten spielen populäre Musik, denn da ist mehr Geld drin. Vor vierzig Jahren wären diese Leute Jazzmusiker geworden. Jetzt nicht mehr.»

RONDO: Was meinen Sie mit «guter» Musik?

Marsalis: «Musik hat die Fähigkeit, einen Menschen zu berühren. Großartiges Saxofonspiel bewegt Saxofonisten. Normale Leute werden von großartigem Saxofonspiel nicht im Geringsten beeindruckt, denn sie wissen nicht, was handwerklich hinter einem Stück steht, und es interessiert sie auch nicht. Die Leute hören Beethoven und sie haben nie die Partitur gelesen. Oder Mahler. Und mögen die Musik, ohne zu wissen, wie sie funktioniert. Und dann gibt es Musiker, die sagen: Das Publikum muss sich besser auskennen, um mich zu verstehen. Auf welchem Planeten leben die? Ich kenne keinen Planeten, auf dem Leute sagen: Ich nehme Musikunterricht, um einen Typen besser zu verstehen.»

Ich habe den Eindruck, er ist schon sehr eigen, dieser Branford Marsalis. Jemand, der weiss, was und wie er etwas will und nicht lange rumdiskutiert. Er hat seine Vorstellungen die es gilt in die Realität umzusetzen. Er selbst sagt, und ich spreche hier von seinem musikalischen Selbst, er habe keinen Plan, sondern er lasse die Ideen einfach auf sich zukommen. Wenn ich aber bedenke, wie sein aktuelles Album «Upward Spiral» (OKeh/Sony Music) zustande gekommen ist ...

Ein paar Jahre trug er die Idee mit sich herum. Eine scheinbar einfache Aufgabe: 4+1= Quintett. Diese 1 sollte ein Sänger sein. Nein, nicht irgendein Sänger, sondern DER Sänger, die Eins eben, dem die Ehre zuteilwerden sollte, nicht fünftes Rad am Wagen zu sein, sondern fünfter Mann eines Quartetts!

«Ich habe viele Sänger angehört», sagt Marsalis. «Kurt war der einzige, mit dem man ein rockiges Stück spielen konnte und der für jedes Stück die passende Raffinesse mitbringt, die deren Melodien verlangen. Ich kenne keinen, dessen Stimme so beweglich und anpassungsfähig ist.»

Kurt? Wer Kurt ist? Na, Kurt Elling! Wer sonst?! Jener Jazz-Sänger mit dieser Wahnsinns Bariton-Stimme, der mit seiner stilistischen Vielfalt und seiner Musikalität jeden vom Hocker haut, der ein Herz im Leibe hat! «Keiner von uns hat gespielt, was er normalerweise spielt», so Marsalis über die Arbeit an «Upward Spiral».

Und so hört es sich an: https://www.youtube.com/watch?v=lBJeYZrovk8

Was «Upward Spiral» so besonders macht, ist die mutige, sehr gelungene Mischung und der Blick über den Tellerrand des Jazz. Da flirtet Jobim mit Sting und Sinatra legt sich mit Gershwin an. Blue Velvet folgt Cassandra auf dem Fuße und mich verfolgt diese Musik sicherlich noch eine Weile, im positiven Sinne, versteht sich. Nein, werden Sie verstehen, nachdem Sie dieses Album gehört haben!

Jazzig,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Branford Marsalis; Foto: Palma Kolansky
  • Kurt Elling; Foto: Anna Webber

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