Die Rückkehr der Völkischen

06.06.2016 Kurt Bracharz

Das heute gerne verwendete Wort «Rechtspopulismus» ist eine Verlegenheitsformel ohne konkrete Bedeutung. Wikipedia spricht von einem «Oberbegriff für politische Strömungen mit teilweise recht unterschiedlichen Bewegungen und Parteien» in Westeuropa ab den 1970er und in Osteuropa seit den 1990er Jahren. Aber «recht unterschiedliche Bewegungen und Parteien» mit ein- und demselben Wort bezeichnen zu wollen, funktioniert wegen mangelnder Begriffsschärfe doch nicht so richtig.


Netz-gegen-Nazis.de formuliert: «Umgangssprachlich nennt man einen Politiker schon »populistisch«, wenn er den Massen opportunistisch nach dem Mund redet und einfache Lösungen präsentiert. In der Wissenschaft wird der Begriff enger verwendet. Rechtspopulismus bezeichnet hier eine politische Strategie, die autoritäre Vorstellungen vertritt und verbreitete rassistische Vorurteile ausnutzt und verstärkt. Rechtspopulisten machen gern eine »korrupte Elite« für Probleme des »einfachen Volkes« verantwortlich. Mit »Volk« meinen sie dabei implizit oder explizit eine ethnisch reine Gemeinschaft.»

Kann man so eine Politik nicht gleich faschistisch nennen? Aber dieses Wort hat durch seine mittlerweile globale und massenhafte Anwendung auf verschiedenste Formen der Gewaltherrschaft jene präzise Bedeutung verloren, die es zur Zeit des italienischen Faschismus, des Austrofaschismus und des von den Sowjets stets «Faschismus» genannten Nationalsozialismus noch hatte.

Mit dem oben erwähnten Volk als ethnisch reiner Gemeinschaft und der Volkstümelei in Wort und Bild haben es die heutigen «Rechtspopulisten» aber alle, weshalb man vielleicht ein obsolet gewordenes Wort wieder reaktivieren könnte, indem man sie die «Völkischen» nennt. Das Wort ist im Deutschland des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Französische Revolution aufgekommen und war vorerst eigentlich nur ein Appell gegen die deutsche Kleinstaaterei. Erst ab etwa 1880 bekam es einen nationalistischen und antisemitischen Beigeschmack.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es dann einige Bewegungen in Deutschland, die das Völkische direkt im Namen führten, und die NSDAP nannte bekanntlich ihr Parteiorgan den «Völkischen Beobachter». Wegen seines Gebrauchs bei den Nazis wurde das Wort in der zweiten Jahrhunderthälfte zumindest in Deutschland kaum noch verwendet. Aber jetzt klingt es wieder neutral und eigentlich könnten sich alle Rechtspopulisten so mit größerer Genauigkeit selbst benennen.

Wenn allerdings ein Wiener Zahntechniker tschechischer Abstammung immer wieder im Steireranzug und gelegentlich sogar in der Krachledernen vor seine Wähler tritt, dann wird wahrscheinlich sogar dem einen oder anderen seiner Parteigenossen ein alttestamentarisches Zitat durch den Kopf gehen, nämlich Hosea 1, 9: «Das ist nicht mein Volk!»


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