Geschichten

29.05.2016 Haimo L. Handl

In Deutschland rührt nicht nur der türkische Pascha vom Bosporus, der größte Führer, um, sondern auch die Deutschtürken entsinnen sich ihrer Tradition und Geschichte und Nationalität. Lautstark kritisieren sie das Vorhaben des Deutschen Bundestages einer Resolution zum türkischen Genozid an den Armeniern: die Deutschen hätten kein Recht sich «einzumischen» bzw. sich dazu zu äußern. Als ob eine Geschichte unter alleinigen Besitz genommen werden könnte, als ob eine Person, eine Bewegung, ein Volk eine Deutungshoheit habe.


So nebenbei zeigt sich durch den Türkenmob das Versagen der Integration. Viele Deutschtürken sind nie Deutsche geworden, auch jene nicht, die dort geboren worden waren und aufwuchsen. Sie sind Türken, infiziert vom türkischen Nationalismus, vom Muselmanentum, vom Islam politischer Ausrichtung. Sie strafen alle Lügen, die an Integration glauben, an Vernunft und friedliches Zusammenleben. Sie leiden an einem kranken Stolz und vergiften Gemeinschaften, in denen sie leben.

Ein Großteil der deutschen Gutmenschen übersieht das geflissentlich. Aber Bagatellisieren oder Wegreden löst keine Probleme. Umgekehrt wird es auch nicht helfen, die neuen deutschen nationalen Bewegungen, eine Art unheilvoller Antwort auf diese Situation und Entwicklung, die AfD oder Pegida, einfach als neuen Nazismus abzutun. Der extreme Rechtsruck in vielen europäischen Ländern verlangt eine andere Mehrheitspolitik.

Doch machen wir uns nichts vor. Auch im Westen beugen wir uns Geschichtslügen, wenn sie von Siegern in perverser Inanspruchnahme einer Deutungshoheit perpetuiert werden, z.B. hinsichtlich der Atombombenabwürfe seitens der Amerikaner. Der 1. Weltkrieg wird immer noch dünn eindimensional gesehen, um jede Konstellation, die eventuell die Rollen von Großbritannien, Frankreich und Russland anders deuten könnte, als die Sieger das Bild fixierten, zu verhindern oder als Spekulation abzutun. Geschichte? Welche von wem für wen? Wir haben Geschichten!

Historie ist nicht nur eine Faktensammlung oder deren Kenntnis. Historie ist das Verstehen von Zusammenhängen: was folgte woraus, was führte wohin und wozu. Allen Antworten sind, wie alle Wissenschaft, tentativ, nur mehr oder weniger plausibel. Solange dieser wissenschaftliche Umgang nicht durchgängig gepflegt wird, solange Ideologie die Argumente abwertet in einem «power talk», so lange werden wir uns mit Geschichten als «Gschichterln» herumschlagen.

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