Sing Street

31.05.2016 Walter Gasperi

Um einem Mädchen zu imponieren, gründet ein Teenager im Dublin der 1980er Jahre eine Band. – Weniger die Geschichte als vielmehr das Herzblut und die spürbaren persönlichen Erfahrungen des Iren John Carney und das Revival der Musik der 1980er Jahre von The Cure bis Duran Duran machen «Sing Street» zu einem ungemein charmanten und mitreißenden Film.


Mit einer Fernsehnachricht ist der gesellschaftliche Hintergrund skizziert: Wer kann, verlässt das wirtschaftlich schwache Irland Mitte der 1980er Jahre Richtung England. Konkretisiert wird die Misere an der Familie des 15-jährigen Conor (Ferdia Walsh-Peelo). Weil seine Eltern mit finanziellen Problemen kämpfen, muss er von einer teuren privaten Jesuitenschule auf die billigere Christian-Brothers-Schule in der Synge Street wechseln.

Hier wird er nicht nur vom autoritären Direktor (Don Wycherley) schikaniert, sondern als Neuling auch von seinen Mitschülern gemobbt und auch ein Schläger (Ian Kenny) aus desolaten familiären Verhältnissen darf nicht fehlen. – Doch all dies ist vergessen, als Conor gegenüber der Schule die etwas ältere Rahphina (Lucy Boynton) sieht. Als unnahbar gilt sie, doch der Teenager spricht sie einfach an, verspricht ihr eine Rolle im Video seiner Band.

Weil es diese Band aber noch gar nicht gibt, muss sie erst rekrutiert werden. Wie Stars treten die Jungs dann in Zeitlupe aus dem Schuppen, in dem sie sich versammeln. Kräftig unterstützt wird Conor beim Schreiben der Songs auch von seinem Bruder, der seine Träume längst begraben hat, nur noch kiffend im Elternhaus herumhängt, nun aber spürt, dass sein jüngerer Bruder das verwirklichen könnte, was ihm nie geglückt ist.

Langsam kommt so Conor über den Dreh dilettantischer Videos Raphina näher, doch es gibt natürlich auch Rückschläge in der Beziehung, bis im hemmungslos pathetischen, ebenso kraftvollen wie märchenhaften Finale ein Aufbruch zu Neuem steht. Schön schließt sich mit diesem Ende der Kreis zum Anfang, an dem mit dem Schulwechsel auch ein Neubeginn stand.

Zum dritten Mal erzählt Carney nach «Once» und «Can a Song Save Your Life?» von der Kraft der Musik und von der Liebe. Die großen Themen des 1972 geborenen Iren sind dies, doch noch nie bezog er sich dabei so stark auf eigene Erfahrungen. Wie die Songs des Protagonisten vom persönlichen Empfinden leben und dies ihnen Authentizität und Kraft verleiht, lebt auch «Sing Street» vom Herzblut, das Carney hier hineingelegt hat.

Man spürt in jeder Szene, dass er weiß, wovon er erzählt, dass er seine Jugend in den 80er Jahren mit dem Dreh quasi nochmals erlebt – und den Zuschauer direkt daran teilhaben lässt. Bestechend evoziert er nicht nur mit Ausstattung und Kostümen die Atmosphäre der Zeit, sondern mehr noch mit dem großartigen Soundtrack.

Denn kongenial mischt Carney klassische Hits aus dieser Zeit von Duran Duran über The Cure bis zu Motörhead mit neuen Songs der Jugendband, die sich an diesen Vorbildern und am Auftreten von Stars wie David Bowie orientiert. Gleichzeitig wird in einer Retro-Show aber auch James Dean legendärer roter Blouson oder Brandos Motorrad-Rocker in «The Wild One» zitiert. Mit Ironie blickt Carney auch auf die Anfänge der Videoclips und verbindet mit dem Aufstieg der Band freilich auch eine hinreißende romantische Liebesgeschichte.

Dass dies so blendend funktioniert und den Zuschauer mitreißt liegt freilich auch an völlig unverbrauchten, natürlich agierenden Schauspielern. Blendend harmonieren Ferdia Walsh-Peelo und Lucy Boynton und eine Picknickszene auf einer kleinen Insel wird man nicht so schnell vergessen.

Verschmerzen kann man, dass die anderen Bandmitglieder allein durch das Casting charakterisiert und auf originelle Typen reduziert bleiben oder dass sich der Konflikt mit dem Schläger Barry wohl allzu leicht auflöst. – Locker lassen der Schwung des Films und die mitreißende Beschwörung jugendlicher Energie und der Magie der ersten Liebe über solche Schwächen hinwegsehen.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Sing Street»

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