Ein Schweizer blickt durch

23.05.2016 Kurt Bracharz

Im Schweizer Magazin «Die Weltwoche» erschien in der Nummer 20 vom 19. Mai, also zwei Tage vor der Stichwahl in Österreich, ein Artikel des Redakteurs Markus Schär zu diesem Thema mit dem Titel «Kampf um die Heimat» (im Original natürlich ohne Anführungszeichen, obwohl sie zumindest bei «Heimat» angebracht wären). Der Lead begann ebenso martialisch: «In Österreich herrscht Aufruhr vor der Wahl des Bundespräsidenten am Sonntag.» Dann hieß es, die Zweite Republik gehe zu Ende. «Weshalb, zeigt ein Besuch bei den Verwandten in Vorarlberg.»


Bei diesen Verwandten dürfte es sich um die Familie der Frau des Redakteurs handeln, die in einem Bergbauernhof «auf der zweihundert Meter hohen Felsmauer am Ostrand des Rheintals» wohnt. Im Text klappert der Autor die Orte Hohenems («wo an diesem sonnigen Samstag die Liebhaber von Vespas und Lambrettas beim Brunch auf dem Schlossplatz vor dem Renaissancepalast sitzen»), Alberschwende («im beschaulichen Bregenzerwald, wo alle einander duzen») und Mäder («dem lauschigen Dorf ... geht es gut», womit übrigens nicht das Alamannische Museumsdorf in Mäder gemeint ist) ab, wobei Schär Blaue (Dieter Egger) und Schwarze (Angelika Schwarzmann, Rainer Gögele) zitiert.

Gut, Rote sind schwer zu finden, aber Grüne wären wohl aufzutreiben gewesen. «Warum tobt in Österreich der Kampf um die Heimat?» fragt sich Schär noch einmal, weiß aber einen Weg zur Antwort: «Ich möchte es bei den Verwandten verstehen lernen, bei den Alemannen in Vorarlberg, von denen einige tatsächlich zu meiner Familie gehören.» Einen tobenden Kampf gab es zwar nur im regionalen Nachrichtenportal, wo diverse Ritter von der traurigen Gestalt doch noch heftiger als sonst aufeinander einschlugen, dabei allerdings wie immer mehr oder weniger unter sich blieben (sie können sich teilweise untereinander mit Klarnamen anreden), aber ein paar Informationen konnte der fleißige Redakteur doch einsammeln: In Mäder hat Hofer im ersten Wahlgang 41 Prozent bekommen, «abgesehen von drei Dörfern im Montafon der höchste Wert im Ländle».

Die vielen Deutschen treiben die Lebenshaltungskosten hoch, in Dornbirn fallen neben bettelnden Roma Frauen mit Kopftuch im Straßenbild auf, Egger lobt per Facebook den Schriftsteller Glavinic, weil der sich über jene ärgert, die alle Hofer-Wähler für Nazis halten. Man könnte noch einige sprachliche Merkwürdigkeiten aus dem Artikel zitieren, zum Beispiel den Satz «Im Gegensatz zu den Landesvätern in Vorarlberg kümmere sich die Funktionärskaste in Wien nicht darum, was die Leute bewege». Landesväter! Für so einfältig paternalistisch hätte ich nicht einmal mehr die SVP gehalten. Es soll zwar ein Gögele-Zitat sein, aber kein wörtliches, und ich würde doch eher auf Schär als «Landesväter»-Gläubigen tippen.

Vielleicht weil dem Redakteur sein Artikel doch etwas zu beliebig vorkam, ist noch ein ganzseitiger Kasten mit einem Interview mit Gerhard Schwarz dazu gestellt. Früher einmal hat man in Journalistenkreisen gelegentlich über einen Superwirtschaftsfachmann bei der damals noch angesehenen «Neuen Zürcher Zeitung» gemunkelt, das war dieser Bregenzer Gerhard Schwarz. Danach war er Direktor des Think-Tanks Avenir Suisse. Jetzt meint er: «Vorarlberg fühlt sich dank der EU vielleicht auch eher wohler in Österreich als früher. Die Abhängigkeit von Wien wird durch manchen direkten Draht aus Brüssel etwas gebrochen.» Das klingt nach einer echten Expertenmeinung. In meinem Nicht-Experten-Umfeld habe ich sie jedenfalls noch nie gehört.


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