Julieta

24.05.2016 Walter Gasperi

Nach der entbehrlichen Komödie «Fliegende Liebende» kehrt Pedro Almodóvar zum Genre des Melodrams zurück. Viel Neues bringt die Geschichte einer Frau, die sich an ihre unbewältigte Vergangenheit erinnert, zwar nicht, aber ein meisterlich inszenierter und gespielter, wunderbar rund erzählter und emotional kraftvoller Film ist dem Spanier hier zweifelsohne wieder gelungen.


Lange sieht man nur ein Detail eines leuchtend roten Kleides – und doch ist schon hier die Meisterschaft Pedro Almodóvars in der Farbgestaltung spürbar. Wenige Regisseure setzen Farben so gezielt wie der Spanier ein, wenige erzeugen allein mit dem intensiven Rot eines Kleides, dem Blau einer Bluse oder dem Gelb eines Regenmantels eine Sinnlichkeit und Intensität, die schon für einen Film einnehmen.

Julieta (Emma Suarez) heißt die Frau in Rot, ist um die 50 und packt gerade ein paar Sachen in ihrer Madrider Wohnung. Mit ihrem Partner möchte sie nach Portugal übersiedeln und alles ist dafür vorbereitet. Doch dann begegnet sie auf der Straße Bea, die einst die Freundin ihrer Tochter Antía war und erzählt ihr von einer Begegnung mit dieser Tochter am Comer-See. – Und nichts mehr ist wie vorher.

Nicht anders als Jacques Tourneur im grandiosen Film noir «Out of the Past» erzählt auch Almodóvar, der für «Julieta» drei Kurzgeschichten der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro adaptierte, wie es ein Leben in der Gegenwart und eine Zukunft ohne Bewältigung der Vergangenheit nicht geben kann.

Denn die Begegnung löst bei Julieta Erinnerungen aus und, wie sie das schon zerrissene Foto der Tochter wieder zusammensetzt, rekonstruiert Almodovar in einer langen, nur hin und wieder kurz unterbrochenen Rückblenden eine sich über 30 Jahre spannende Geschichte auf.

Wie leicht könnte so ein breit gesteckter Rahmen zu episodischem Erzählen führen, doch nichts davon ist hier zu finden. Große Kunst ist es, wie der 66-jährige Spanier einerseits manchen Szenen viel Raum lässt, dann wieder mit einem Schnitt Jahre überspringt oder andererseits wieder mit Julietas Voice-over Ereignisse rafft.

Wunderbar bruchlos und rund fließt so die Erzählung, immer tieferen Einblick gewinnt man in diese Frau, deren Altern von einer jungen Lehrerin zur von den Ereignissen gezeichneten Mutter man erlebt, bis der Film wieder in der Gegenwart ankommt und sich mit einer Fahrt in die offene Landschaft auch ein Weg in die Zukunft öffnet.

Zu viel sollte über die Handlung nicht erzählt werden, selbst entdecken muss man das Geheimnis von Julietas Lebens, über das sie selbst ihrem neuen Partner nichts erzählt. Aber es geht natürlich um die großen Gefühle, die das Leben bestimmen, und - analog zu Homers «Odyssee», über die Julieta als junge Griechischlehrerin (Adriana Ugarte) eine Schulstunde hält – zur Reise ins Unbekannte, die das Leben darstellt.

Folglich beginnt die große Rückblende auch mit einer Zugfahrt in die Nacht, auf der sich aus einer Zufallsbekanntschaft eine Liebe entwickelt, aber ein tragisches Ereignis auch schon Schuldgefühle auslöst. Auch Eifersucht wird später hereinspielen, doch überlagert wird diese bald wieder von Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, aber auch von Schuldgefühlen und davon wie an dieser Trauer und Schuldzuschreibungen auch die Beziehung zwischen einer Mutter und einer Tochter zerbrechen kann.

Nicht nur die Mutter-Tochter-Beziehung kennt man aus früheren Almodóvar-Filmen, sondern auch das zerrissene Bild, das rekonstruiert werden muss, ist ein in den Filmen des Spaniers schon mehrfach verwendetes Motiv, während eine im Koma liegende Frau Erinnerungen an «Hable con ella» erinnert. Neues mag man somit in «Julieta» wenig entdecken und an Komplexität kann sich dieser Film sicher auch nicht mit einem Meisterwerk wie beispielsweise «La mala educacion» messen, aber ein perfekt aufgebautes und unglaublich souverän erzähltes Melodram, das auch in den eingeschickt eingeflochtenen Nebengeschichten von Julietas Eltern oder der ersten Ehe ihres Mannes Fragen nach Verantwortung, Gewissen, Schuldgefühlen und Verdrängung aufwirft.

Ein schwerer Film könnte das angesichts dieser Themen sein, doch die geschliffene Inszenierung lässt nie Niedergeschlagenheit aufkommen, sorgt zwar – auch dank der starken schauspielerischen Leistungen von Adriana Ugarte als junge und Emma Suarez als gealterte Julieta - für große emotionale Kraft, lässt aber die Hoffnung auf positive Bewältigung der traumatischen Vergangenheit und damit auf einen Neubeginn nie versiegen.

Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - in den deutschen und österreichischen Kinos ab August 2016

Trailer zu «Julieta»

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