Remember

02.06.2016 Walter Gasperi

Vergessen, Erinnerung und verschwimmende Identitäten sind die zentralen Themen in den Filmen von Atom Egoyan. Auch in seinem 2015 entstandenen Thriller geht es darum, wenn ein dementer alter Auschwitz-Überlebender sich auf die Suche nach einem KZ-Aufseher macht, um endlich Rache zu nehmen. Bei Tiberius Film ist der zwar spannend inszenierte, aber kolportagehafte Film, den ein großartiger Christopher Plummer in der Hauptrolle adelt, auf DVD und Blu-ray erschienen.


In den 1990er Jahren stieg der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan mit Filmen wie «Exotica» und «The Sweet Hereafter» zu den Stars des internationalen Autorenkinos auf. Kein anderer verstand es so wie er, unterstützt von einem konstanten Team wie Kameramann Paul Sarossy und dem Komponisten Mychael Danna, Zeitebenen kunstvoll zu verschachteln.

Überraschend linear erzählt Egoyan nun in «Remember». Auch hier geht es – wie der Titel schon andeutet – um das Erinnern. Zunehmend verliert der alte Zev (Christopher Plummer) diese Fähigkeit. Jeden Morgen muss man ihn, der, wie sein an den Rollstuhl gefesselter Freund Max (Martin Landau), seinen Lebensabend in einem Pflegeheim verbringt, daran erinnern, dass seine Frau vor kurzem gestorben ist.

Weil Max aufgrund seiner körperlichen Einschränkung seine Rache an einem KZ-Aufseher, der vor 70 Jahren die Familien beider auslöschte, nicht mehr selbst vollziehen kann, schickt er Zev mit einem Brief, in dem er detailgenau aufgeschrieben hat, was zu tun ist, mit dieser Aufgabe los.

Weil vier Männer, die unter falschem Namen nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA untergetaucht sind, als Täter in Frage kommen, führt Zev die Reise quer durch das Land. Unterschiedliche Rollen von Deutschen während des Nationalsozialismus werden dabei ebenso vorgeführt wie die höchst problematischen, liberalen amerikanischen Waffengesetze, aber auch das Weiterleben oder neuerliche Aufflammen des Antisemitismus in den USA.

Pure Kolportage ist die Handlung. Schwer zu glauben ist, dass ein dementer Herr trotz Brief diese Aufgaben bewältigen kann, dass er einerseits immer wieder alles vergisst, andererseits aber dann doch wieder alles auf die Reihe bringt. Immer wieder ins Groteske droht der Film bei dieser an Christopher Nolans «Memento» erinnernden Recherche zu kippen.

Andererseits gewinnt «Remember» gerade in diesem Aufeinandertreffen alter gebrechlicher und vergesslicher Männer Dichte, zeigt nicht nur die Hinfälligkeit des Menschen, sondern auch wie geschichtliche Ereignisse in Vergessenheit zu geraten drohen. Bewegend spielt Christopher Plummer diesen Zev, sodass man durchaus gespannt dieser an Wendungen reichen, teilweise aber auch vorhersehbaren Reise folgt. Ein Glücksgriff ist auch die Besetzung der gesuchten Nazis mit deutschsprachigen Altstars wie Bruno Ganz und Jürgen Prochnow.

Durchaus zu schätzen ist auch, dass Egoyan auf Rückblenden in die Zeit in Auschwitz verzichtet, doch der Versuch mit Duschszenen oder Sirenen in der Gegenwart immer wieder Erinnerungen an die Vergangenheit im Lager wecken zu wollen, überzeugt nicht.

Größte Schwäche des handwerklich sicher und spannend inszenierten Thrillers ist aber seine haarsträubend konstruierte Handlung, deren hanebüchene Ausgangssituation nur noch durch die schon als kabarettreif zu bezeichnende, völlig überzogene Schlusswendung überboten wird. – Wenn der Holocaust schon für eine solche Boulevard-Geschichte herhalten muss, wünscht man sich wenigstens einen entschiedenen Mut zum Grotesken, wie ihn Paolo Sorrentino in «Cheyenne - This Must Be the Place» bewies.

An Sprachversionen bieten die bei Tiberius Film erschienenen DVD und Blu-ray die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben einem Making of, den deutschen und englischen Trailer sowie Trailer zu anderen Titeln von Tiberius Film.

Trailer zu «Remember»

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