Louis Malle-Edition

26.05.2016 Walter Gasperi

Vielfalt kennzeichnet das Werk Louis Malles. Mit jedem Film hat er sich praktisch neu erfunden, hat einen Liebesfilm ebenso wie einen ambivalenten Film zur Haltung der Franzosen während der NS-Besatzung, eine melancholische Komödie zum Mai ´68 ebenso wie einen reinen Zwei-Personen-Dialog-Film gedreht. Bei Studiocanal sind neun Filme des 1995 verstorbenen Franzosen auf DVD erschienen.


Schon mit seinem ersten Film, dem kühlen Krimi «Fahrstuhl zum Schaffott» (1957) gelang dem 1932 in eine Industriellenfamilie geborenen Louis Malle ein Meisterwerk. Doch keineswegs festlegen lassen wollte er sich auf dieses Genre, ließ dem Debüt mit «Die Liebenden» (1958) einen großartigen Liebesfilm und diesem wiederum mit «Zazie» (1960) eine vor Einfallsreichtum sprühende Hommage an die Slapstick-Filme der Stummfilmzeit folgen.

Heftige Diskussionen löste Malle in den 1970er Jahren in Frankreich mit «Lacombe Lucien» (1973) aus. Er brach nämlich darin mit dem Mythos von einem Land, das sich entschieden gegen die nationalsozialistische Besatzung wehrte, und zeichnet ein ungleich differenzierteres Bild. Im Zentrum steht der 17-jährige Bauernsohn Lucien Lacombe, der großartig vom Laienschauspieler Pierre Blaise gespielt wird.

Unzufrieden mit dem Job als Reinigungskraft in einem Altersheim und von seiner Mutter mehr geduldet als geliebt, versucht dieser unterpriviliegierte und immer wieder gedemütigte naive junge Mann zwanghaft irgendwo Anschluss zu finden, eine Aufgabe zu erhalten, um Selbstachtung zu gewinnen. Als auch sein Bemühen um Aufnahme in die Resistance scheitert, gerät er mehr durch Zufall als durch Absicht in das Hauptquartier der Kollaborateure.

Bald nimmt er an Einsätzen teil, genießt auch die Macht, die ihm diese Zugehörigkeit verleiht, und versucht damit auch der jungen Jüdin mit dem vielsagenden Namen France (Aurore Clement) zu imponieren.

Malle zeigt, wie sich die Kollaborateure quer durch die gesellschaftlichen Schichten vom Adeligen über einen Radrennfahrer bis zum Afrikaner zieht und wie diese hemmungslos die Schwächeren – im konkreten Fall vor allem einen jüdischen Schneider – schikanieren und ausbeuten.

In idyllischer ländlicher Region und in lichtdurchfluteten Sommerbildern – der Film spielt im Juni 1944 – zeichnet Malle so ein düsteres Bild Frankreichs, bleibt trotz der Fokussierung auf der Titelfigur stets auf Distanz und erzählt – wie schon die protokollarische Angabe von Nach- und Vorname im Titel andeutet – sachlich und nüchtern.

Das Urteil über den Protagonisten, dessen Handeln nicht von politischen Gründen motiviert ist und bei dem die Liebe schließlich zu einem Umdenken führen wird, wird bei diesem Meisterwerk dem Zuschauer überlassen.

In den USA drehte Malle unter anderem «Mein Essen mit André» (1981), in dem er sich darauf beschränkte die realen Theaterleute Wallace Shawn und André Gregory sich knapp zwei Stunden lang praktisch in Echtzeit in einem New Yorker Restaurant über ihre Erfahrungen, ihr Leben und damit über Gott und die Welt unterhalten zu lassen.

Viel geredet wird auch in dem acht Jahre später wieder in Frankreich gedrehten «Eine Komödie im Mai» (1989), doch der Ton ist ungleich leichter und lockerer. Mit einem großartigen, von Michel Piccoli angeführten Ensemble erzählt Malle von einer Familie, die im Mai 1968 anlässlich des Todes der Mutter im südfranzösischen Landhaus zusammenkommt. Gleichzeitig dringen übers Radio ständig Nachrichten von den Studentenunruhen in Paris und den zunehmenden Versorgungsschwierigkeiten in die ländliche Idylle.

Warmherzig blickt Malle auf die Menschen, stellt leichthändig im Landhaus und dem dazu gehörenden Grundstück, auf das sich die Handlung beschränkt, immer wieder neue Zweier- oder Dreierkonstellationen her, lässt wie im Pariser Aufbruch auch hier die anfänglichen Zuordnungen zerbröckeln und erzählt gleichzeitig mit altersmild-melancholischem Blick vom Ende des Großbürgertums ebenso wie vom Zerbrechen der revolutionären Träume der Jugend.

Die bei Studiocanal erschienene Edition mit neun DVD beziehungsweise fünf Blu-ray bietet an Sprachversionen jeweils die französische oder englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen von Film zu Film verschieden bald Interviews mit Malles Bruder Vincent und seinem Mitarbeiter Volker Schlöndorff, bald Featurettes zum Hintergrund des jeweiligen Films.

  • Die Liebenden (1958)
  • Lacombe Lucien (1973)
  • Lacombe Lucien (1973)
  • Eine Komödie im Mai (1989))
  • Eine Komödie im Mai (1989)

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