La belle saison - Eine Sommerliebe

17.05.2016 Walter Gasperi

Im Paris der frühen 1970er Jahre herrscht Aufbruchsstimmung. Auch die Frauen kämpfen für ihre Rechte, doch in der Provinz kann die Bäuerin Delphine ihre Liebe zur Lehrerin Carole nur im Geheimen leben. In lichtdurchfluteten Sommerbildern erzählt Catherine Corsini in ihrem l*sbischen Pendant zu Ang Lees «Brokeback Mountain» dynamisch von einer großen Liebe und gesellschaftlicher Enge.


Man spürt, dass die 23-jährige Delphine (Izia Higelin) mit Herz und Seele Bäuerin ist, wenn sie im Limousin den Traktor über die Felder des elterlichen Hofs steuert oder die Kühe melkt. Dem Drängen des Vaters endlich zu heiraten, damit ein Mann den Hof übernehmen kann, will die kräftige junge Frau aber nicht nachkommen, denn sie fühlt sich zu Frauen hingezogen.

Sie will sich nicht einfach fügen und wie ihre Geliebte heiraten, sondern bricht trotz der Liebe zum Hof zunächst einmal nach Paris auf. Aufbruchsstimmung herrscht hier im Frühjahr 1971, auf den ein Insert den Film datiert. Mehr erlebt Delphine hier nach eigener Aussage in einer Woche als im Limousin in drei Monaten.

Präsident Georges Pompidou mag zwar noch die Familie als Grundlage der Gesellschaft propagieren und mehrfache Mütter auszeichnen, doch speziell die jüngeren Frauen wollen nicht mehr über ihren Mann definiert werden und fordern Gleichberechtigung.

Durch Zufall gerät Delphine in eine Frauengruppe, in der nicht nur diskutiert wird, sondern auch die Veranstaltung eines Abtreibungsgegners gestört oder ein wegen seiner Homosexualität in die Psychiatrie eingewiesener Freund befreit wird. Mit schnellen Schnitten, dynamischer Erzählweise und Songs von Janis Joplin beschwört Catherine Corsini mitreißend Leidenschaft und Engagement der Frauen.

Fasziniert ist Delphine vor allem von der 35-jährigen Lehrerin Carole (Cécile de France). Diese ist zwar irritiert, als Delphine sie küsst und weist sie zunächst zurück, da sie in einer heterosexuellen Beziehung lebt, entdeckt dann aber doch ihre Liebe zu diesem Landei.

Als Delphine nach einem Schlaganfall ihres Vaters auf den elterlichen Hof zurückkehrt, folgt sie ihr deshalb auch bald, muss aber rasch erkennen, dass hier noch andere gesellschaftliche Regeln gelten.

Mit Verve evoziert Corsini den Aufbruch und Umbruch der frühen 1970er Jahre, erzählt sichtlich mit Herzblut, stellt freilich auch etwas schematisch offenes Stadtleben und konservative ländliche Gesellschaft, aber auch die Städterin Carole und die Bäuerin Delphine einander gegenüber. Andererseits sind es freilich gerade solche markanten Gegensätze, aus denen der Film sein dramatisches Potential, seine Dynamik und seine Kraft entwickelt.

Nicht breit auserzählt, sondern kursorisch als Basis für die Handlung skizziert werden Delphines Erlebnisse in Paris. Der größere gesellschaftliche Kontext wird ausgespart, der Fokus liegt ganz auf dem feministischen Aspekt. Detailreicher wird der Blick und ruhiger die Erzählweise mit der Ankunft Caroles in Delphines Heimat.

Ausführlich schildert Corsini nicht nur in lichtdurchfluteten und in warme Farben getauchten Bildern die Landarbeit, sondern räumt auch Sexszenen viel Raum ein. Sehr sinnlich, sommerlich luftig und leicht wird «La belle saison» dadurch, gleichzeitig macht Corsini aber auch in jeder Szene deutlich, dass Delphine ihre lesbische Liebe in diesem konservativ-bäuerlichen Umfeld nur im Geheimen leben kann. Doch wird auch bald getuschelt, so stellt sich letztlich mit Delphines Mutter (Noémie Lvovsky) gerade eine Frau am entschiedensten gegen diese Beziehung.

Während Carole bald die Stadt zu vermissen beginnt, wird Delphine zunehmend zerrissen zwischen der Liebe zum bäuerlichen Leben und der zu Carole. Keine kann hier wohl in der Welt der anderen auf Dauer glücklich werden und Tränen werden so schließlich in diesem Melodram fließen. Dennoch gelingt es Corsini ihren Film mit einem fünf Jahre später spielenden Epilog versöhnlich enden zu lassen.

Mit Ang Lees «Brokeback Mountain», mit dem «La belle saison» schon mehrfach verglichen wurde, kann sich diese lesbische Liebesgeschichte zwar nicht ganz messen, aber ein rund erzähltes und bewegendes Kinostück, das plastisch an eine nur 45 Jahre zurückliegende Zeit gesellschaftlicher Enge erinnert, ist der Französin hier allemal gelungen.

Zu verdanken ist das auch ihren befreit und natürlich aufspielenden Hauptdarstellerinnen Izia Higelin und Cécile de France, die auch in den Sexszenen, die nie voyeuristisch wirken, unbefangen agieren und viel Haut zeigen. Stark spielt aber auch Noémie Lvovksy, die Delphines Mutter durchaus differenziert als eine Frau zeichnet, für die aufgrund ihrer Sozialisierung die Gedanken der Frauenbewegung völlig fremd sind.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung) und im St. Galler Kinok (franz. O.m.U.)
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Sa 21.5. - Do 26.5. (franz. O.m.U.)
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 30.6., 20 Uhr + Sa 2.7. 22 Uhr (franz. O.m.U.)

Trailer zu «La belle saison - Eine Sommerliebe»

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