Duke of Burgundy

16.06.2016 Walter Gasperi

In einem abgeschiedenen Anwesen spielt ein lesbisches Pärchen sadomasochistische Rituale durch, doch das Verhältnis von Herrin und Dienerin ist fragil. Peter Stricklands betörend gefilmte, sehr sinnliche Erkundung von Liebe und Macht ist bei Salzgeber auf DVD erschienen.


Schon der Titel führt in die Irre, lässt er doch einen Kostümfilm mit einem Herzog im Zentrum erwarten. Doch der Titel verweist nicht auf einen Adeligen, sondern auf eine Schmetterlingsart und Männer bleiben in Peter Stricklands nach «Katalin Varga» und «Berberian Sound Studio» drittem Spielfilm völlig außen vor - nur Frauen treten auf. Und auch kein Kostümflim ist «Duke of Burgundy» spielt zwar nicht in der Gegenwart, sondern aufgrund von Kleidung und alter Schreibmaschine eher in den 1950er Jahren, wirkt aber mit seinem abgeschiedenen Anwesen und den malerischen Bildern idyllischer Natur der Zeit enthoben.

Wie eine Sozialstudie im Stil eines Luis Bunuel, auf dessen Meisterwerk «Viridiana» auch später der Name einer Frau Doktor Viridana anspielt, beginnt der Film, wenn Evelyn (Chiara d´Anna) bei diesem Anwesen anklopft und von der Insektenforscherin Cynthia (Sidse Babett Knudsen) nicht nur Arbeitsaufträge wie Putzen und Waschen erhält, sondern auch schikaniert wird.

Spätestens aber, wenn es zur Bestrafung im Badezimmer geht, der man nur akustisch folgen kann, weil die Kamera im Gang verweilt, wird langsam klar, dass die beiden Frauen hier feste erotische Rituale durchspielen und Evelyn durchaus Vergnügen an den Schikanen und Bestrafungen empfindet.

Zunehmend wird dabei auch klar, dass die eigentlichen Machtverhältnisse ganz anders verteilt sind, dass die dominante Cynthia von der vermeintlich unterwürfigen Evelyn angetrieben wird, sie immer härter zu bestrafen. So droht gerade die Herrin an ihrer Rolle zu zerbrechen und deutlich unsicherer wirkt sie, wenn sich am Ende die Eröffnungsszene wiederholt.

Die Handlung ist im Grunde eng geführt, nur für einige Vorträge vor ausnahmslos weiblichen Insektenforscherinnen verlässt der Film das Anwesen, konzentriert sich davon abgesehen auf die Wiederholung und gleichzeitige langsame Veränderung der Rituale.

An Realismus ist Strickland, der als Inspiration für seinen Film die Filme von Jess Franco und den europäischen Sexfilm der 1970er Jahre nennt, nicht interessiert. Vielmehr will er den Zuschauer mit Nic Knowlands betörenden Bildern der idyllischen Natur und des märchenhaft-verwachsenen Anwesens, aber auch durch surreale Momente mit Bildern von Insekten und Schmetterlingen sowie die Musik des Duos «Cat´s Eyes» in eine Traumwelt abtauchen lassen.

Entsprechend dem Thema zielt der sehr sinnliche Film weniger auf rationale Erklärung als vielmehr auf emotionales Eintauchen in und Nacherleben der Gefühlswelten der beiden Protagonistinnen. Präzise erkundet Strickland dabei die Verschiebungen in der Beziehung, spürt der verschwimmenden Grenze zwischen Liebe und Abhängigkeit nach und zeigt, wie es hier keine Statik gibt, sondern die Gefühle ständig im Fluss sind und man das Verhältnis zum Partner oder zur Partnerin immer wieder überdenken und neu definieren muss.

An Sprachversionen bietet die bei Salzgeber erschienene DVD die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können. Die Extras umfassen neben einem Booklet mit einem ausführlichen Interview mit Peter Strickland auch einen – nur englischsprachigen – Audiokommentar des Regisseurs sowie dessen Kurzfilm «Conduct Phase».

Trailer zu «Duke of Burgundy»

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